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Wo sind die Toten jetzt?

Predigt am Karfreitag (19.4.2019):

Wo sind die Toten jetzt?
Kennt Gott ihre Namen?
Kennt Gott ihr Leben und Sterben?
Und was ist es, was bleibt?

Wo sind die Toten jetzt?
Weint Gott um jeden Verstorbenen?
Sind seine Tränen wie das Meer?
Wie die Sterne am Himmel?
Oder wie glitzernde Kristalle?
Und was ist es, was bleibt?

Wenn Menschen gehen,
bleibt oft ganz Unterschiedliches zurück.
Alte Fotos zum Beispiel, auf Papier ausgedruckt.
Ein Foto hängt über dem Bett.
Es zeigt ein Ehepaar, bei einer Feier.
Ein Bild aus glücklichen Tagen.
60 Jahre waren sie verheiratet.
Und es gibt noch andere Fotos.
Fotos in vergilbten Kartons.
Fotos von Vögeln.
Fotografiert auf Helgoland.
Fotos von Urlauben.
Fotos von Kindern, Enkelkindern.
Oder noch ganz andere.

Manchmal gibt es noch gar kein Foto.
Weil das Leben viel zu früh ging.
Noch ganz vor der Zeit.
Höchstens ein Ultraschallbild.
Dann bleibt nicht viel.
Nur das Gefühl.
Und die verlorene Hoffnung.

Wo sind die Toten jetzt?
Und was ist es, was bleibt?

Vielleicht bleibt ein Rezept zurück.
Vom Bohneneintopf mit Speck.
Vom Käsekuchen mit Quark.

Vielleicht in paar Kleidungsstücke.
Die roten Lieblingsschuhe.
Ein warmer Wollpullover.
Alte Lederhandschuhe.
Und darin der Geruch.
Der Geruch verblasst nur langsam.
Er bleibt in der Kleidung, der Wohnung.
Er haftet an den Wänden.
Er bleibt auch im Herzen.
Geruch und Erinnerung gehören zusammen.

Wie Jesus wohl gerochen hat?
Nach Zedernholz und Leinen?
Nach Wüstensand und Honig?
Oder nach lieblichem Wein?

Wo sind die Toten jetzt?
Und was ist es, was bleibt?

Manche sortieren vor dem Tod ihr Leben.
Regeln alles ganz genau.
Ihre Erbschaft, ihre Finanzen.
Sie schreiben einen Lebenslauf.
Gestalten die Bestattung.
Bis keine Fragen mehr bleiben.

Sie kümmern sich um ihre Lieben.
Denken darüber nach, wie es ihnen ergehen wird.
Und versuchen alles richtig zu machen.
Damit niemand allein bleibt.

So wie Jesus.
Am Kreuz ordnet er noch.
„Mutter, das ist dein Sohn!“
„Johannes, das ist deine Mutter!“
(Joh 19,26-27)
Niemand bleibt allein.
Alles ist sortiert.

Wo sind die Toten jetzt?
Und was ist es, was bleibt?

Selbst dann, wenn alles sortiert ist.
Die Wohnung ausgeräumt,
die Dokumente abgeheftet.
Selbst dann bleiben die Gefühle.
Die Trauer, der Schmerz, die Liebe.
Manchmal Dankbarkeit, Glück.

Es bleiben die Fragen:
Warum er?
Warum sie?
Und warum ausgerechnet jetzt?
Viel zu früh, viel zu plötzlich, viel zu grausam.
Der Tod ist immer falsch.
Er kann gar nicht richtig sein.
Und keine Erklärung will helfen.
Man versucht Worte zu finden.
Manches aufzuschreiben.
Schwarze Buchstaben auf weißem Papier.
Mit großen und kleinen Schriftzeichen.
Vielleicht in verschiedenen Sprachen.
Um den Verstorbenen einzufangen.
Einzufangen auf einem Blatt.
Schemenhaft, bruchstückhaft.

Denn die Wirklichkeit ist soviel komplexer.
Die Wirklichkeit kann nicht in Buchstaben abgebildet werden.

„Jesus von Nazareth, der Juden König.“

„Was ich geschrieben habe,
habe ich geschrieben“, sagt Pilatus.
(Joh 19,21-22)

Nach dem Tod bleiben die Fragen:
Warum er?
Warum sie?
Und warum ausgerechnet jetzt?
Keine Erklärung will helfen.
Man liest, was andere denken und fühlen.
In der Literatur, in Ratgebern.
Oder in der Bibel, sucht dort nach Antworten.

Auch der Jünger Johannes tut das.
Er hat so viele Fragen.
Er kann diesen grausamen Tod nicht verstehen.
Er will ihn auch nicht verstehen.
Warum so? Warum am Kreuz?
Er beantwortet seine Fragen mit der Heiligen Schrift:

„Sie haben meine Kleider unter sich geteilt,
sie haben über mein Gewand das Los geworfen.“
(Joh 19,24)

Sie geben mit Galle zu essen
und Essig zu trinken für meinen Durst.“ (Joh 19,29)

Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.“ (Joh 19,33)

„Sie werden auf den sehen,
den sie durchbohrt haben.“
(Joh 19,37)

All das schreibt Johannes auf.
In seinem Evangelium.
Schwarze Buchstaben auf weißem Papier.
Mit großen und kleinen Schriftzeichen.

Beantwortet das seine Fragen?
Ich glaube nicht.

Wo sind die Toten jetzt?
Kennt Gott ihre Namen?
Kennt Gott ihr Leben und Sterben?
Und was ist es, was bleibt?
Manchmal bleiben nur die Fragen.
Die viele Unbeantworteten.
Man kann sie Gegenständen stellen.
Das schlägt der Autor Georges Perec vor.

Ich stelle meine Fragen einer Kirchenwand.
An der Kirchenwand lehnt ein Denkmal.
Mit vielen runden Kieseln.
Diese Kiesel tragen Namen.
Es sind die Namen von Drogentoten.

Auf dem Denkmal steht ein Gebet.
Ich lese:

auch der Gott
Papa
weint manchmal
nicht wahr
wenn er uns anschaut.“

Und ich frage:
Wo sind die Toten jetzt?
Kennt Gott ihre Namen?
Sebastian, Benny und René?
Kennt Gott ihr Leben und Sterben?
Und was ist es, was bleibt?

Wo sind die Toten jetzt?
Weint Gott um jeden Verstorbenen?
Sind seine Tränen wie das Meer?
Wie die Sterne am Himmel?
Oder wie glitzernde Kristalle?
Wie Chrystal Meth?
Und was ist es, was bleibt?

Wo sind die Toten jetzt?
Kennt Gott auch meinen Namen?
Hält er mein Leben in seiner Hand?
Und wird Gott auch um mich weinen?
Meere und Himmel voller Tränen?
Was ist es, was bleibt?

Ich glaube:
Manche Fragen bleiben unbeantwortet.
Was bleibt: Sind es Fotos, Kleidungsstücke,
Rezepte, Gerüche, Erinnerungen.
Worte, Namenssteine?
Oder: Eine Dornenkrone?

Können wie einen Menschen wirklich kennen?
Oder sehen wir nur das Äußere, das Schemenhafte.
Körper und Gestalt, Haut und Wärme?
Sehen wir nur das, was bleibt?
Bleibt das Innere uns verborgen?
Johannes schreibt nicht viel über Jesus am Kreuz.
Bei Johannes handeln die anderen.
Die Soldaten, Pilatus, das Volk.
Jesus selbst bleibt ruhig.
Er sortiert und ordnet ein bisschen.
Schaut sich alles an, hält sich an die Schrift.
Er weiß ja, was passiert und warum.

Ich glaube:
Jesus schaut uns an, am Kreuz.
Er schaut direkt in unser Herz.
Er sieht unser Innerstes.
Er sieht unsere Fragen.
Er hat sie sich selbst gestellt.

Er weint mit uns.
Er weint, wenn wir weinen.
Er weint um jeden Menschen.
Er weint um uns.
Um mich und um dich.

Ich glaube:
Am Ende bleibt das Kreuz.
Hocherrichtet.
Golden, strahlend.
Selbst in Asche und Schutt.
Selbst in der Zerstörung.
Das Kreuz bleibt.
Jesus bleibt.
Vollkommen,
selbst im Tod.

„Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30)