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Was ihr nicht seht

Star-Wars-Slam in Braunschweig am 15. Februar 2019:

Nach außen bin ich angekommen.
Ich stehe im Leben, wie man so sagt.
Ich hab irgendwie alles hinbekommen.
Erzähl von meinen Erfolgen,
wenn man mich fragt.

Ich bin 1,65. Im Sommer dunkelblond.
Ich wiege 59,9 Kilo, fern vom Ideal.
Mein Outfit wähle ich gekonnt.
Doch die neuesten Trends sind mir egal.

32 Jahre bin ich alt.
Ich hab schon einiges gesehen von dieser Welt.
Vielleicht findest du mich arrogant und manchmal kalt.
Aber das ist so, wenn man sich stets verstellt.
Denn eigentlich bin ich nur eins:
Ein bisschen durchgeknallt:

Ich habe ADHS.

Das fing schon in der Kindheit an.
Ich war ein Wildfang ganz und gar.
Und wenn ich Geschichten ersann,
wirkte ich wohl sonderbar.

Ich hatte Schrammen und aufgeschlagene Knie.
Ich kletterte auf alle Mauern rauf wie nie.
Ich besaß eine blühende Phantasie,
und ließ den Gedanken ihren Lauf.

Schlafen konnte ich nie.
Lag stundenlang wach im Bett.
Hatte eine grenzenlose Energie,
tanzte auf den Dielen nachts Ballett.

„Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt.“

Meine Erzieher wussten nicht ein noch aus.
Ich widersprach ihnen und hörte nicht zu.
Sie ließen mich aus dem Kindergarten nicht raus.
Ich blieb länger dort, und fragte mich: wozu?

Ganz ehrlich, wer bleibt schon im Kindergarten sitzen?

In der Schule dann das gleiche Spiel.
Lesen und Schreiben konnte ich nun schon.
Zum Glück war ich neugierig und lernte viel.
Aber ich besaß einfach keine Konzentration.
Ich quatschte lieber und träumte vor mich hin.
Spielte und raufte mit den Jungs auf dem Hof.
Schönschreiben und Sport kamen mir nicht in den Sinn,
und Mathe fand ich einfach nur doof.

Mir war oft schwindelig, mein Kopf dröhnte laut.
Dann stürmten zu viele Reize auf mich ein.
Mein Innerstes hat niemand angeschaut,
Anderssein macht allein.

Schüler können so grausam sein.

Ich hatte gute Noten, mein Zeugnis war wie geleckt.
Es ging für mich weiter hin zum Abitur,
doch auch da bin ich letztlich angeeckt,
ich habe mich oft gefragt:
Was mache ich hier nur?

[Die Schule.
Ein Ort des Grauens.
Den ganzen Tag eingesperrt.
In dunklen Mauern.]

Die Lehrerinnen sagten:
„Jetzt streng dich mal an!“
Ob sie sich jemals fragten,
ob ich das auch kann?

Meine Eltern bestraften mich
Bei jeder schlechten Zensur.
Sie stritten ganz fürchterlich.
Drohten mit dem Rausschmiss,
doch ich fand keine Struktur,
es war einfach wider meine Natur.

Nach innen wurde es dunkel und finster in mir,
das Kopfchaos wuchs zu Trauer und Wut.
Nach außen wurde ich zur Rebellin mit Zigaretten und Bier,
verwandelte meine Energie in Engagement und Mut.

„Ich bin dagegen. Denn ihr seid dafür.
Ich bin dagegen, ich bin nicht so wie ihr.
Ich bin dagegen, egal, worum es geht.
Ich bin dagegen, weil ihr nichts davon versteht.“

Ich hielt mich an keine Regeln und Normen,
ich erdachte meine eigenen Strukturen und Formen.
Ich setzte mich ein, mit meiner eigenen Kraft.
Und so habe ich das Abitur am Ende geschafft.

Danach kam das Studium,
ich war ja nicht dumm.
Auch wenn ich mich oft so fühlte,
doch sei es drum.

Mein Chaos lebte ich im Privaten aus.
Ich verliebte mich in Mann und Frau.
Ich liebte das Drama und ließ es raus,
sonst kam es in mir zum Emo-Stau.

Ich blieb anders, merkwürdig und unbequem.
Doch ich fand: Das ist ja nun wirklich nicht mein Problem.
Im Allgemeinen kam ich klar.
Dann war ich halt einfach sonderbar!

Ich verlor mich in Musik, Kunst und Literatur.
In Kreativität und Phantasie lebte ich mich aus.
Mit Sport beruhigte ich meine innere Uhr,
irgendwas trieb mich immer aus dem Haus.

Und dann mit 32 kam die Diagnose: ADHS.
Bin ich jetzt Zappelphilipp oder was?
Ist das nicht das, was kleine Jungs so haben?
Und das soll ich jetzt auch in mir tragen.

Die Therapeutin sagte nur kess:
ADHS ist in dir die Macht.
Das ist deine heimliche Superkraft.

Ohne ADHS wäre mein Leben anders verlaufen,
das ist schon mal klar.
Doch ich bin die ich bin und immer schon war.

Ich verliebe mich schnell und flirte viel.
Emotional bin ich nie besonders stabil.
In einem Moment lache ich, dann breche ich in Tränen aus,
ich mache einfach das Beste draus.

Ich habe immer eine neue Idee in meinem Hirn,
es gibt ein ständiges Chaos hinter meiner Stirn.
Ich komme zu allen Terminen zu spät,
ich weiß nie, wo mein Denken hingerät.

Ich weiß auch nie, wo fange ich an?
Meine Sachen verlege ich und suche stundenlang.

Habt ihr schon einmal Allufolie im Kühlschrank gefunden, nein?
Ich vergesse alles und komme nie zum Ziel.
Mal arbeite ich hochkonzentriert,
dann ist mir alles zu viel.
In Unterhaltungen höre ich einfach…

Oh schau mal, ein Eichhörnchen!

Ich rede dazwischen, ich rede zu schnell.
Ich folge Regeln mehr so eventuell.
Ich hüpfe und wirble und frage warum,
ich singe und tanze und albere herum.

Im Kino oder im Theater war ich lange nicht mehr.
Stundenlang ruhig sitzen fällt mir einfach zu schwer.
Werde ich den neuen Star Wars Film mit dir schauen?
Das weiß ich nicht: Aber wenn du was brauchst,
kannst du auf mich bauen.

[Eigentlich ist mein Kopf wie ein Radio.
Nur, dass jemand anderes die Fernbedienung hat.
Und fröhlich die Kanäle wechselt.
Nach Lust und Belieben.
Jeden Tag, jede Minute meines Lebens]

Aber: ADHS ist in mir die Macht.
Das ist meine heimliche Superkraft.

ADHS macht mich kreativ und originell.
Begeistert und neugierig bin ich schnell.
Ich bin lebensfroh und ohne scheu,
Hauptsache alles ist bunt und neu.

ADHS macht, dass ich mit Freuden hier steh’.
Und euch erzähle, wie ich die Welt seh’.

Und vielleicht hast du ja auch eine heimliche Kraft?
Erzähl mir, was ist deine Macht?
Erzähl es mir nachher hier, beim ersten oder zweiten Bier.
Und ansonsten wünsche ich euch: Eine gute…

Oh, ein Eichhörnchen!