Menu Close

Ich habe Jesus gesehen

Predigt am Weihnachtsabend (24.12.2018):

Das Volk, das im Finstern wandelt,
sieht ein großes Licht,
Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns gegeben.

Ich habe Jesus gesehen.

Er stand mitten auf dem Weihnachtsmarkt.
Zwischen Dom und Museum und Burg.
Er stand in der längsten aller Schlangen.
Das ist die Schlange vor dem Mandelstand.
Dort werden die Mandeln noch von der Hand gebrannt.
Im großen Kupferkessel.
Es riecht ganz süß:
Nach Vanille und Mandeln.
Da steht also Jesus und wartet.
Die Wollmütze über die Locken gezogen.
Den blauen Schal tief im Gesicht.
Ein Glühwein wärmt seine Hände.
So ein Braunschweiger Mumme-Glühwein.

Was er da wohl macht?
Habe ich mich gefragt.
Vielleicht wollte er einfach mal nach uns sehen.
Den Gesprächen um ihn herum lauschen.
Und schauen, wie es uns dieses Jahr geht.
So kurz vor Weihnachten.

Und was er da wohl hört?
Von unserem Weihnachtsstress vielleicht.
Der vielen Arbeit, ausgerechnet jetzt.
Überstunden in der Weihnachtszeit.
Immer noch mehr arbeiten und schaffen.
60, 70 oder 80 Stunden pro Woche.
Die anderen machen es ja auch so.
Sich bloß keine Pause gönnen!
Dazu noch die privaten Sorgen.
Der große Wunsch nach Liebe.
Danach, diese Liebe zu erleben und zu teilen.
Um sich aneinander zu wärmen.
Sich geborgen zu fühlen.
Licht im Dunkeln.

Während die Schlange weiter vorrückt,
hört Jesus uns weiter ganz genau zu.
Er nimmt einen Schluck von seinem Glühwein.
Und ist ganz leise. Und lauscht.
Und lauscht und hört zu.
Dem Gekruschtel unserer Worte.

Er hört:
Vom Pflegenotstand überall.
Von den fehlenden KiTa-Plätzen.
Den fehlenden Hebammen.
Und Therapeutinnen.

Er hört:
Von der Dürre im Sommer.
Die Eckertalsperre ist ohne Wasser.
Dem Abstieg von Eintracht in die 3.Liga.
Vom Fortschritt in der Region.

Er hört etwas über Nachhaltigkeit.
Da muss er schmunzeln.
Leise lacht er in sich hinein.
Unverpackt-Läden. CocaCola-Boykott.
Food Sharing: Der Fair-Teiler bei der TU.
Überhaupt: Braunschweig ist Fairtrade-Stadt.

Leider hört er aber auch:
Von den Booten auf dem Mittelmeer.
Von den Kriegen überall auf der Welt.
Und: Von der wachsenden Angst.
Der Angst vor dem, was Anders ist.
Gewalt und Hass wachsen.
Offline wie Online.

Jesus zieht die Stirn in Falten.
Nimmt noch einen Schluck vom Glühwein.
Der Duft von Vanille kitzelt in seiner Nase.
So viele Jahrhunderte sind seit seiner Geburt vergangen.
Doch die Themen der Menschen sind nach wie vor dieselben.
Sie sehnen sich nach Liebe.
Nach einem Licht im Dunkeln.
Nach Frieden.

Die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.
Er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.
Auf dass des Friedens kein Ende werde.

Jesus schüttelt nachdenklich den Kopf.
Er ist schließlich beim Stand angekommen.
Er bestellt sich gebrannte Mandeln.
Und isst genüsslich eine oder zwei.
Hach, wie das schmeckt!
Himmel auf Erden!

Da bleibt ein Mädchen vor ihm stehen.
Und schaut ihn staunend an.
Mit ganz großen, glänzenden Augen.
Sie ruft: „Das ist doch Jesus!“
Dabei hatte Jesus sich so gut getarnt.
Mit seiner Wollmütze und seinem blauem Schal.
Er lächelt das Mädchen an.
Und schenkt ihr seine Mandeln.
„Segen für dich“, flüstert er ihr zu.
Dann verschwindet er in der Menge.

Und ich stelle mir vor, wie Jesus sich aufmacht.
Ich wünsche mir, dass er nicht nur den Weihnachtsmarkt besucht,
sondern auch andere Orte hier in Braunschweig.
Er schaut durch unsere Türen und Fenster.
Er ist zu Gast bei vielen, auch bei uns.

Aufmerksam spaziert Jesus durch das östliche Ringgebiet.
Er möchte so ein richtig klassisches Fest erleben.
Mit Weihnachtsbaum und Weihnachtsbraten.
Mit Geschenken und Goldglitzer.
Und so schaut er in die Wohnung einer Familie.
Hoch oben im Dachgeschoss, unter dem Himmel.
Der Schnee rieselt sanft vor den Fenstern.
Die Wohnung ist hell und weiß und strahlend.
Der Weihnachtsbaum leuchtet in allen Farben.
Darunter liegen die Geschenke schön verpackt.
Musik klingt durch die Wohnung:
Hallelujah. Hallelujah.
Und helles Kinderlachen.
Alle sind zusammen. Fast alle.
Die Eltern.
Ein Sohn, eine Tochter.
Dazu noch die Großeltern.
Sie sitzen am Tisch.
Er ist reich gedeckt.
Mit einer Ente und Klößen.
Mit Braunkohl und Soße.
Die Augen der Kinder strahlen.
Sie glitzern vor Vorfreude.
Doch da ist auch eine Spur Trauer.
Die älteste Tochter ist gerade in Indien.
Für ein halbes Jahr ist sie dort.
Mit der Stiftung ökumenisches Lernen.
Wie es ihr da wohl geht?
So ganz allein in Indien?
Ob sie auch Weihnachten feiert?

Jesus lauscht und hört wieder zu.
Er hört die Sorgen der Familie.
Er zündet eine Kerze an.
Und spricht ein Gebet.
Für diese Familie.
Wundervoll mit Wörtertrost, dieser Wunder-Rat.
Da werden die Herzen hell und warm.
Die Trauer weicht langsam der Freude.
Später ruft die Tochter noch per Skype an.
Sie erzählt freudig von ihrem Fest.
Und Jesus: Zieht weiter seinen Weg.

Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.

Jesus Füße tragen ihn zum Marienstift.
Er kommt zu einem kleinen Dreibettzimmer.
Dort sind drei Männer und spielen Skat.
Sie sind zu krank, um heute entlassen zu werden.
So bleiben sie über die Weihnachtstage hier.
Ab und zu schaut eine Krankenschwester vorbei.
Natürlich arbeitet sie heute. Das ist ja klar!
Genauso wie die anderen Pfleger und Ärztinnen.
Die drei Männer unterhalten sich.
Über ihre Familien und ihre Weihnachtsfeste.
Wenn gerade niemand nach ihnen schaut,
holen sie heimlich eine Flasche Grappa hervor.
Die lassen sie dann zwischen sich kreisen.
Sie trinken, der Krankheit zum Trotz.

Jesus lauscht und hört ihnen zu.
Er zündet eine Kerze an.
Und spricht ein Gebet.
Für diese Männer.
Heldenhaft mit Königskraft, dieser Gott-Held.
Da wird es hell und warm im Zimmer.
In diesem Moment haben die Männer einander.
Und Jesus: Zieht weiter seinen Weg.

„Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.

Jesus zieht von Ort zu Ort.
Er lauscht und hört zu.
Er geht zu den Menschen in dieser Stadt.
Er zündet eine Kerze an.
Ein Licht im Dunkeln.
Und wo sie scheint,
wird es hell und warm.

Auf das Weihnachtsfest der Wohnungslosen ist Jesus gespannt.
Der Pfarrer hat mal wieder nicht den richtigen Ton getroffen.
Da fangen sie mitten in der Predigt an zu Essen.
Sie bringen den Pfarrer ganz aus dem Konzept.
Selbst Jesus muss laut Lachen.

Von da ist es nicht mehr weit zum Augustinum.
Jesus besucht die Seniorenresidenz.
Ein Ehepaar feiert zu Zweit.
Er ist schon ganz gebrechlich.
Sie im Kopf nicht mehr ganz da.
Weil das Essen nicht so leicht fällt,
gibt es heute nur Kartoffeln mit Quark.
An diesem Abend leuchten ihre Augen.
Sie schauen sich ganz vergnügt an.
Schon über 55 Jahre sind sie miteinander verheiratet.
Da braucht es keine Geschenke oder große Worte mehr.
Sie freuen sich über jedes Jahr, dass sie gemeinsam haben.
Morgen wird es bestimmt wuselig!
Da kommen die Enkel und Urenkel.
Und es wird hell und warm.

Jesus läuft durch die dunklen Straßen.
Vor einem Fenster bleibt er wieder stehen.
Dort wohnt eine junge Frau.
Dieses Jahr verbringt sie Weihnachten allein.
Es gibt keinen Weihnachtsbaum und keine Geschenke.
Aber immerhin ist ihre Wohnung ein wenig dekoriert.
Es riecht nach Vanille und Mandeln.
Sie sitzt auf der Couch und trinkt Wein.
Auf dem Fernseher läuft Netflix.
Der kleine Prinz. Oder 3 Haselnüsse für Aschenbrödel.
Velleicht auch die Geschichte von Scrooge.
Auf dem Tisch steht ein Ofenkäse.
Der größte, den es gab.
Dazu Ciabatta mit Oliven.
Sie besucht Jesus besonders lange.
Er lauscht und hört ihr zu.
Sie redet über zerbrochene Beziehungen.
Über den Streit in ihrer Familie.
Seit Jahren schon gab es kein glückliches Fest.
Da feiert sie lieber mit sich allein.

Er spürt ihre Einsamkeit.
Er macht alle Kerzen an, die er findet.
Er spricht ein Gebet für sie.
Geschwisterlich mit Liebessinn, der Ewig-Vater.
Manchmal hilft vielleicht auch einfach nur das:
Das Dasein. Das Aushalten von Schmerz.
In dieser Nacht ist Jesus einfach da.
Er ist einfach bei ihr.
Er versteht sie gut.
Er hat das doch selbst schon erlebt,
was Menschen einander antun können.
Sie sitzen miteinander im Dunkeln,
während das Kerzenlicht ihnen leuchtet.

„Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.

Jesus lauscht und hört zu.
Er schaut in die Gesichter der Menschen.
In das Leuchten und Glitzern.
Er sieht auch, was dahinter ist.
Er sieht Sorgen und Ängste.
Heimlichen Tränen.

Er sieht, was uns dieses Jahr so beschäftigt.
Die Sehnsucht nach Liebe.
Das Bedürfnis, diese Liebe zu teilen.
Um einander zu wärmen.
Sich geborgen zu fühlen.
Auch die Sehnsucht nach Frieden.

Jesus zündet eine Kerze an.
Er spricht ein Gebet.
Auch für dich heute hier.
Heilsamheilig mit Gnadenwohl, dieser Friede-Fürst.
Damit du leuchtest.
Jesus lächelt dich an.
Flüstert: „Segen für dich!“

Dann verschwindet er in die Nacht.
Er hat noch viel zu tun.
Er zieht von Ort zu Ort.
Lauscht und hört zu.
Damit es hell wird und warm.
Voller Liebe und Frieden.
In dieser Nacht.
In der heiligsten aller Nächte.
Und in allen anderen Nächten.
Bis zum Ende aller Zeiten.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.
Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.
Die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.
Er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.
Auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende.

Zur Werkzeugleiste springen