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Für Thomas

Grußwort-Slam in Hamburg am 3. November 2019:

„Sag, was ist für dich das Paradies?“

Im Jahr 2014 stehen wir uns gegenüber.
Im Theologischen Zentrum.
Im Predigerseminar.
In Braunschweig.
Neun angehende Pfarrerinnen und Pfarrer.
Und dann noch einer: Thomas als Dozent.

„Sag, was ist für dich das Paradies?“

Die Übung nennt sich Speed-Dating.
Wir stehen da zu Zweit, in zwei Reihen.
Zwei Minuten Zeit für eine Frage.
Und eine Antwort.

„Sag, was ist für dich das Paradies?“

Es ist Juni.
Im Kreuzgang weht der Frühling.
Alles ist voller Leben.
Rosen blühen im Garten.

„Sag, was ist für dich das Paradies?“

Du schon mal nicht, denke ich.
Beim Anblick meines Gegenübers.
Mir ist nicht frühlingshaft im Herzen.
Unser Kurs ist bunt gemischt.
So richtig leiden können wir uns nicht.
Ich ignoriere die Gedanken an die letzte Nacht,
als bei den Nachbarn das Paradies gefeiert wurde.

„Sag, was ist für dich das Paradies?“

Zitat: „Im Anfang war der Garten.
Meint jedenfalls die Bibel.
Im Anfang war der Garten.
Mit Baum und Strauch.
Mit Wasser und Weg
Mit Johannisbeere und Zinnien.
Mit Rotkehlchen und Schnittlauch
Und mit der Katze,
die sich von den Menschen am Bauch streicheln ließ.
Im Anfang war der Garten.
Im Anfang war alles gut.“ (Birgit Mattausch)

Im Garten haben wir vorhin eine Urne versenkt.
Wir haben Beerdigung eingeübt.
Steh so und so.
Versperr den Blick.
Wirf die Erde.
Das muss Klingen!
Erzeug einen Hall im Herzen.
Staub zu Staub.
Und dann: Wend dich dem Leben zu.
„Du sollst leben!“
Gestern waren wir noch im Leben.
Im Anfang des Lebens.
Wir haben getauft.
Die Handlungen: Pointiert.
Bleib in deiner Rolle.
Du bist Liturgin!
Keine Mutter.
Mach nicht zu viele Worte.
Wer braucht denn das?

Thomas wird verehrt oder verachtet.

„Sag, was ist für dich das Paradies?“

Ich stehe hier mit den anderen.
Und weiß noch gar nicht,
ob ich das will.
Ob ich dieses Amt will.
Und ob ich das kann.
Weil ich nicht ganz hineinpasse,
mit meinem bunten Leben.

Aber ich sehe Thomas.
Und vielleicht ahne ich schon:
Er steht da auch, genau wie ich.
Mit seinem Sorgen und Zweifeln.
Mit seinen Brüchen im Leben.
Manchmal braucht es einen.

Mit einer Vision von Kirche.
Lebensnah und lebensklug.
Wir lernen gemeinsam neu.
Stammeln, schreien und formulieren.
Mit Wundern aus Klang.
Mit Glanz auf Anderorten.
Mit vielfältigem Schweigen.
Lachen und Liebe.
Zwischen uns: Erblüht das Wort.

„Sag, was ist für dich das Paradies?“

Und vielleicht einfach nur das:
Hier im Kreuzgang stehen.
Im Anfang. Im Garten. Im Wort.
Mit dem Rosen im Frühling.
Mit dem Vertrauen auf mich.
Mit der Lust zu säen und zu pflanzen.
Mit der Hoffnung auf Morgen.