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30 ist nicht 20

Poetry-Slam in Wolfsburg am 22. April 2017:

30 ist nicht 20.
Egal, was die Leute sagen.

30 brüllt morgens mein Spiegelbild.
Der Zombie, der mich blutrünstig anstarrt.
Kaffee – Jetzt Sofort! Und natürlich schwarz!

30 steht fettgedruckt in meinem Ausweis.
Nicht, dass das jemand interessieren würde,
wird sowieso nirgends mehr kontrolliert.

30 tickt meine biologische Uhr.
Meinen zumindest die anderen.
Die, die nach Kinderplanung fragen,
obwohl ich sie gar nicht darum gebeten habe.
Aber der Körper einer 30-Jährigen,
wird ja auf einmal zum Politikum,
3 Kinder sind Pflicht.
Mindestens, meint die AFD.

Tick-Tack.
30 ist nicht 20.

Statt Lollapalooza oder Fusion,
heißt es nun 4 Hochzeiten,
nur ohne Todesfall. Noch zumindest.
Ja und Amen im Palast,
mit weißen Tüll und Krönchen.
Der Bräutigam wird sich rasch angelacht,
für immer und ewig,
Oder eher: Bis zur Scheidung.

Beim Brunchen geht’s um Kinderplanung.
Wer mit wem und wie oft.
Wann und wo und auch warum.
Wie lange und wozu genau.
Die Singles planen Sex für eine Nacht,
erörtern mit Freunden Elternschaft.

Und das Haus im Grünen wird gebaut!
Ach die Stadt! Viel zu gefährlich!
Lieber Lehndorf als nach Lebenstedt.
Das Kinderzimmer ist in Rosarot gefärbt.
Im Garten Hibiskus und Hyazinthen,
in der Auffahrt steht der SUV.

30 ist nicht 20.

Manchmal reden wir über Politik,
über das Referendum,
über Donald Trump,
über das Ende der Europäischen Union,
aber nur ganz verhalten,
mit gesenkten Stimmen.
Wir summen still „Unter dem Pflaster“
und denken zurück an Demonstrationen.
Wir entwenden keine Mauerkreuze mehr,
oder errichten Gräber vor dem Bundestag.

Dafür verbiegen wir uns beim Yoga,
besorgen Lebensmittel frisch vom Markt.
Wir essen alles ohne Zucker,
alles ohne Koffein, ohne Ethanol,
haben weniger vom Leben,
aber mehr vom Gewissen.
Auf Partys bringen wir Salat und Guacamole mit,
denn ja, wir kommen in ein Alter,
singen wir mit Lumpenpack.

Obwohl, Avocados? – Da war doch was.
(Mexikanische Monokulturen)
Also doch keine Guacamole.

Und wenn uns alles zu viel wird,
dann wandern wir eben aus.
Nach Thailand, Indonesien, Bali, Hawaii.
Wie die Digitalnomaden,
aber höchstens für sechs Monate,
denn oh, wie schön ist Panama!
Oh, wie schön ist es zu Haus’.

30 ist nicht 20.

Und Ich?
Ich werfe meinen Perso,
einfach in euer Klo.
Denn ja, ich trink’ gern Sterni aus dem Späti,
und Wein aus der Flasche.
Ich habe Sex aus Spaß,
wann und wie ich will,
Und wenn ich nur einen Tag zu leben hätte,
dann wär’ ich lieber…
Ich selbst – und nicht euer gerahmtes Bild!

Vielleicht sehe ich aus wie aus wie’n Zombie,
und komm’ ohne Kaffee nicht in den Tag.
Aber noch lebe ich ihn so
wie ich es gerne mag.
Ich sitz’ auf Häuserdächern,
und schaue in die Nacht.
Erzählt mir doch nicht,
wie ich zu leben hab.

Ich sing’ zu Sokee,
Und geh’ zu „Alle Farben“.
Ich tanze barfuß im Regen,
und lass mir nichts mehr sagen.

30 ist nicht 20.

Und ich, ich werde das Älter werden
einfach noch vertagen.

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