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Yoga Im Morgenland

Predigt-Slam in Hamburg am 23. Februar 2018:

Und jetzt Einatmen: Ein
Und Ausatmen: Aus
Und noch einmal: Ein
Und: Aus
Und dann atmen wir noch ein letztes Mal ein für das Om: Om.

Montagabend.
20 Augenpaare schauen gebannt auf Yoga-Lehrer Nils.
Jeder Atemzug, jede Bewegung wird akribisch nachgeahmt.

Einatmen. Ausatmen. Om.

Selbst das Mantra wird einstimmig nachgesungen.
Mit heiligem Ernst: Vande Gurunam Caranaravinde.
Übersetzt: Ich verneige mich vor den Lotusfüßen meines Lehrmeisters.
Ich denke mir: Jetzt nur nicht laut lachen.
Nils Füße sehen eigentlich ganz normal aus.
Männerfüße, nackt, behaart.
Wie von einem Hobbit.
Könnten mal wieder zur Pediküre.
Aber was weiß ich schon.

Einatmen. Ausatmen. Om.

90 Minuten pure Konzentration.
Das Licht ist gedämmt.
Die Luft wird dünn.
Mit jeder Bewegung steigt die Temperatur.
Einatmen. Ausatmen.
Aneinandergereiht liegen die Körper.
Körper an Körper.
Leib an Leib.
Ein bisschen wie auf Mallorca im Sommer.
Oder wie ein Haufen gestrandeter Wale.

Einatmen. Ausatmen. Om.

Surya Namaskara, Vinyasa, Trittonasana, Savasana.
Schlussentspannung.
Das ist eigentlich wie Sauna.
Ein paar Minuten zwischen lauter schwitzenden Leibern.
Und weiter vor sich hinatmen.
Manche schlafen dabei ein.
Die Atmung wird zum Schnarchen.
Einatmen. Ausatmen.
Die Glücklichen.
Die Yogastunde könnte jetzt vorbei sein, aber nein!
Heute nicht.
Heute hat sich Nils etwas ganz besonderes ausgedacht.
Eine Meditationsübung.
Wir sollen in eine Kerze starren.
Zehn Minuten lang.
Im Dunkeln.
Blinzeln ist verboten.
Bewegen auch.
Das schärft die Konzentration.
Wahnsinn! Nach zehn Minuten fühle ich:
Meine Netzhaut bröselt langsam ab.
Schicht für Schicht.
Blind durch Yoga.
Sehen wird eh’ überbewertet.
Und dafür zahle ich 50 Euro.
Großartig!

Einatmen. Ausatmen. Om.

Alles kann nichts muss.
Jeder bastelt sich seine eigene Religion.
Jede ihre eigene Glaubensrichtung.
Ein bisschen Yoga hier.
Ein bisschen Wiedergeburt da.
Dazu noch eine Prise Engel.
Ausgebrannte gehen ins Kloster.
Abenteuerlustige auf den Jakobsweg.
Und: Das Gym ist meine Church.
Mein Körper ist mein Tempel.

Oft sind mehr Menschen beim Yoga als im Gottesdienst.
Beim sonntäglichen Brunch sieht es nicht anders aus.
In der Laufgruppe sowieso nicht, denn: Sunday is Runday.
Was in der Kirche passiert, ist fremd.
Für viele so fremd wie Sanskrit.
Oder wie das Starren in eine Kerze.
Nur halt einfach nicht so cool.
Vande Gurunam Caranaravinde.

Einatmen. Ausatmen. Om.

Nur Weihnachten sind die Gottesdienste gut gefüllt.
Zum perfekten Fest gehört das halt dazu.
Mit „Stille Nacht“ natürlich, selbstverständlich.
Nur allzu politisch darf es nicht.
Sonst regt sich Porschardt wieder auf.
#porschardtevangelium

Einatmen. Ausatmen. Om.
Christliches Abendland.
Was soll das eigentlich sein?
Mein Heimatland war dunkelrot.
Nun ist es nicht mehr existent.
Nur die Menschen sind noch da.
Sie rufen nach einer Alternative.

Aufgewachsen bin ich in Ost-Berlin.
Mitten im Hochhaus-Ghetto.
Plattenbauten reihten sich aneinander.
Grau an Grau.
Stein an Stein.
Ein bisschen wie die Menschen.
Alle gleich geschaltet.

Ich wurde drei.
Die Mauer fiel.
Meine ersten Erinnerungen an West-Berlin?
Ein Meer von Lichtern.
Bunte Schaufenster.
Mit unserem grünen Trabi ging es über die Grenze.
Spät nachts kehrten wir heim.
Zurück in unsere Q3A-Wohnung, 7. Stock.
Vor dem Fenster graue Hochhäuser.
In den Hochhäusern zahllose Fenster.
Menschen eingepfercht wie Vieh.
Teuer erkauft, diese Freiheit.

Christlich war dieses Land nicht.
Bei der Einschulung sollte ich wählen.
Evangelisch oder katholisch?
Den Unterschied kannte ich nicht.
Meine Eltern auch nicht.
Niemand in meiner Familie war christlich.
Vermutlich hatte das irgendetwas mit diesem Jesus zu tun.
Über den gab es im Kinderkanal eine tolle Serie.
Die kam immer vor der Sendung mit der Maus.

Im Hochhausghetto zog die Leere ein, das Vakuum.
Zukunftslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Antriebslosigkeit.
Es blieb Enttäuschung, große Enttäuschung.
Es wurde nicht alles besser.
Nur unsicherer, unwirklicher, unfassbarer.
16 Millionen Menschen verloren über Nacht ihre Heimat.
Viele Menschen zogen weg.
Neue Menschen kamen hinzu.
Vietnamesischer Herkunft, russischer Herkunft.
Gangs bildeten sich.
Schießereien auf der Straße.

Wann fing das an mit dem Hass?
Mit der Fremdenfeindlichkeit?
Die Welt im Ghetto war einfach.
Sie war schwarz-weiß, binär.
Wer anders ist, muss raus.
Aber woraus und wohin?

Als Jugendliche engagierte ich mich in der Kirche.
Es war klar: Die Kirche ist links.
Alle Jugendlichen dort waren das.
Manche waren bei der Antifa.
Manche demonstrierten auf der Straße.
Manche wurden nachts zusammen geschlagen.
Die Kirche läutete laut.
Nicht nur für den Gottesdienst.
Sondern während der Demos der NPD.
Als Jugendliche trug ich die Haare kurz.
Ich nähte Anarchie-Zeichen auf meine Kleidung.
Ich hängte ein Poster von Che Guevara auf.
Christlich, ich? Vielleicht.

Erst zehn Jahre später wurde Populismus populär.
Denn plötzlich waren sie da:
Geflüchtete, Refugees, in Berlin gestrandet.
Zeitweise hausten 60, 70 bei uns im kirchlichen Wohnheim.
Draußen wurde das Rufen umso lauter.
„Wir sind das Volk“
Und: „Das wird man doch wohl mal sagen dürfen!“
Christliches Abendland.

Einatmen. Ausatmen. Om.

Christlich? Was ist das.
Ich frage mich das bis heute.
Erst neulich.
Ein Paar kommt zu mir.
„Wir möchten unser Kind taufen lassen!“
„Ach wie schön, und warum?“
„Na, wegen der christlichen Werte!“
„Christliche Werte?“
„Ja, Nächstenliebe und so.“
Aha, Nächstenliebe und so.
Christliche Liebe.
Als bräuchte Liebe überhaupt ein Attribut.
Als wäre christlich irgendein Gütesiegel.
Christliche KiTa, christliche Schule, christliche Schwule.
Christlicher Pollunder, Burgunder, Hollunder.

„Oh, diese Äpfel sehen heute aber lecker aus.“
„Ja, sie sind nicht nur regional und fair und vegan.
Nein, sie sind auch noch besonders christlich!
Von biodeutschen, blonden Mädchen gepflückt.
In Bayern, von stämmigen Eichen.
Mit Echtheitszertifikat.
Also das Mädchen, nicht die Eichen.“
Christlich, christlich, christlich.

Einatmen. Ausatmen. Om.

Ich brauche „christlich“ nicht als Siegel.
Ich brauche es nicht als ein Stempel auf meiner Stirn.
Oder als Tattoo auf meiner Haut.
In meiner Kirche erlebe ich täglich Wunder.

Beim gemeinsamen Essen.
Eine Buddhistin spricht das Tischgebet für alle.
Persönlicher, als so manch eine.
Oft wurde sie von anderen verletzt.
Hier hat sie ihren Platz gefunden.

Beim interreligiösen Begegnungsabend.
Ein Geflüchteter aus Syrien singt „Schrei nach Liebe“.
Seine Band zusammengewürfelt wie die Gäste.
Alle singen mit, lachen laut und tanzen.
Mal syrisch, mal deutsch, alles durcheinander.

Beim sonntäglichen Gottesdienst.
Ein Vater tritt in die Kirche ein.
Sein 17-Jähriger Sohn stand gerade auf der Kanzel.
Er hat gepredigt: Für Offenheit und Toleranz.

Wunder. Überall.
Ein Pfarrer bietet Yoga-Stunden an.
Am Montagabend. Ganz offiziell.
Mit Sanskrit und Meditation.
Und mit Hobbitfüßen.

Einatmen.
Ausatmen.
Om.

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