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Wo ist Gott?

Predigt-Slam in Wittenberg am 3. Mai 2016:

Wo ist Gott?
Und ich meine jetzt nicht im Himmel,
auf Schäfchenwolken sitzend,
hoch oben mit goldener Krone.
Mit ganz viel Glitter und Glitzer,
mit Lametta und Lakritze,
mit langem Rauschebart,
von pausbäckigen Engeln umgeben.
mit Thron, Trompeten, Tröten, Triumph und Tralala.
Ich meine: Wo ist Gott in der Welt?

In Braunschweig ist Gott bei den Jugendlichen,
die Abend für Abend neben dem Schloss abhängen,
die Bierflasche schon griffbereit, fehlt nur noch das Skateboard.
Aber selbst das gibt es hier anscheinend nicht.
Also Bier. Und manchmal Sex auf der Schloss-Toilette.
Irgendwo zwischen Klobürste und WC-Stein,
den Rücken gegen die Tür gepresst,
die Türklinke gräbt sich ins Fleisch.
Einfach den Schmerz wegvögeln,
die Welt vergessen,
keine Liebe, nur Sex.

Und: Wo ist Gott bei den Verliebten?
Wenn du vor lauter Aufregung keinen Satz mehr zu Stande bringst,
Vokale, Konsonanten, Silben, Worte purzeln durcheinander.
Stammeln, stoffeln, stottern, staksen, stocken.
Am Ende vielleicht ein gehauchtes: „Hey“ oder ein „Hallo“.
Abwechselnd wird dir heiß und kalt.
Angucken geht nicht, weggucken geht auch nicht.
Vielleicht einfach schweigen,
obwohl man doch sonst soviel zu sagen hat.
Hormonstau.
Mit 30 wieder 14 sein.

Wo ist Gott?
Am Sonntagabend auf dem Bahnhof.
Wenn Fernbeziehungspaare sich voneinander trennen müssen.
Für Tage, Wochen, Monate, Ewigkeiten.
Soviel Lebenszeit, die ich in Zügen verbringe,
ich kenne mehr Bahnhöfe als Städte
mehr Städte als Liebende,
Frankfurt am Main ist bestimmt schön,
aber nicht zwischen 3 Uhr und 5 Uhr nachts,
und nicht bei Minusgraden,
und nicht wenn alle Geschäfte geschlossen sind.

Und wo ist Gott bei denen, deren Welt zerbrochen ist.
Denen das Aufstehen schwer fällt,
das Zähne putzen schwer fällt,
das Frühstücken schwer fällt,
das Leben schwer fällt.
Die morgens erst einmal einen Wodka kippen,
um sich dann erneut im Bett zu verkriechen. Decke über den Kopf.
Alles ist schwer.
Lachen geht nicht, weinen geht nicht.
Alles zerbrochen.
Alles tut weh.
Selbst das atmen.
Leere. Alles leer.
Eine unsichtbare Hand zieht dich ins Dunkel.
Alles verblasst, verloren, vergangen.
Wo ist denn nun dein Gott?

Materia singt:
Oh mein Gott, dieser Himmel,
wie komme ich da bloß rein,
Oh mein Gott dieser Himmel,
wo zur Hölle soll der sein?
Am Ende des Tunnels sind all die Lichter gedimmt
und dreht man wieder auf, machen die Lichter uns blind.
Kann die Zeichen nicht sehen, kann kein einziges Gebet,
find einfach keine Ruhe, doch jeder Beichtstuhl ist belegt.
Und ich meine:
Gott ist genau hier.
Er ist nicht im Himmel,
auf Schäfchenwolken sitzend,
hoch oben mit goldener Krone.
Mit ganz viel Glitter und Glitzer,
mit Lametta und Lakritze,
mit langem Rauschebart,
von pausbäckigen Engeln umgeben.
mit Thron, Trompeten, Tröten, Triumph und Tralala.
Nein, er ist genau hier,
hier, unter den Menschen.

Er trinkt mit dir ein, zwei Bier,
und hört dein gehauchtes „Bleib bei mir“.
Er winkt dem ICE hinterher,
fährt mit dir im Auto ans Meer,
legt dir Kissen und Decke bereit
und steht dir bei im heftigsten Streit.
Er bewacht deinen schwarzen Hund im finsteren Tal,
er ist für dich da, du bist ihm nicht egal.

Denn ich meine:
Gott ist genau hier,
Er ist bei dir.
Er ist an deine Seite,
hält dir beim Kotzen das Haar,
reicht dir die Wodkaflasche an,
fragt nicht nach dem wo und dem wann.
Er wendet sich dir zu,
wenn deine Welt zerbrochen ist,
klebt die Scherben zusammen.
Trocknet dir die Tränen.
Richtet dein Krönchen.

Es braucht kein Glitter und Glitzer,
kein Lametta und Lakritz,
keine Engel und Trompeten,
wenn Gott bei dir ist.

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