Menu Close

Reformation in 3 Szenen

Predigt-Slam in Braunschweig am 25. August 2017:


1. Szene. Zwischen den Zeiten. In der himmlischen Zählstube.

Zählengel 1: „105.167, 105.168. Och nö, jetzt sind es nur noch 105.151. Paul hat sich gerade die Haare gekämmt. Also 105.151. Und da ist noch eins nachgewachsen. Also 105.152. Was für ein anstrengender Tag! Wahrscheinlich fallen heute noch ein paar mehr Haare aus. Pauls Haare sind seit der Blondierung gestern so angegriffen. Wie kommt man auf die Idee, sich Wasserstoffperoxid auf den Kopf zu verteilen?“

Zählengel 2: „Ach, jetzt meckere nicht schon wieder herum. Du hast wenigstens etwas zu zählen. Lena-Lotta ist nun schon 3 Jahre alt und es wächst immer noch kein einziges Haar. 3 Jahre! 3 Jahre sitze ich hier schon sinnlos herum. Hoffentlich bekommt sie bald Haare. Und dann am Besten Locken oder so etwas. Dann habe ich wenigstens mal zu tun!“

Zählengel 3: „Ihr habt gut reden, Manfred hat sich gestern neue Haare einpflanzen lassen. Jetzt sind alle meine Statistiken dahin! Ich muss ganz von vorn anfangen! Alle Arbeit umsonst!“

Zählengel 4: „Still! Seid endlich mal still!“

Zählengel 2 flüsternd: „Was hat denn Mephisto schon wieder?“

Zählengel 3: „Es geht um Sandra. Ihre Diagnose ist nicht gut. Chemo. Und das mit 20.“

Zählengel 4, genannt Mephisto: „Ruhe jetzt!“

Botenengel erscheint im Licht: „Fürchtet euch nicht…“

Mephisto: „Das kannst du dir hier sparen, Michael, was willst du denn?“

Botenengel: „Seid gegrüßt, ihr himmlischen Heerscharen. Der Herr, unser Gott, der die Haare aller Menschen gezählt hat…“

Mephisto grummelt: „Na das sind ja wohl eher wir…“

Botenengel: „Also! Der Herr, unser Gott, der die Haare aller Menschen gezählt hat, erwartet freudig die Bekanntgabe der Haaranzahl von Martin.“

Mephisto: „Luther?“

Botenengel: „Ja, von Martin Luther! Ein Gewitter hat ihn in eine tiefe Glaubenskrise geführt. Martin betet ohne Unterlass mehrere Ave Maria, um für seine Sünden zu büßen. Unser himmlischer Vater möchte ihm aufzeigen, dass er ihn seit seinem Mutterleibe an begleitet.“

Mephisto: „Und da will er ihm die Anzahl von Martins Haaren auf dem Kopf nennen? Bei der Tonsur? Die kann ja jeder Teufel zählen. Wäre nicht was anderes sinnvoller? Überhaupt, ich kann das ständige Dröhnen des Ave Maria nicht mehr hören. Lasst ihm doch einfach ausrichten, dass Gott ihm vergibt.“

Botenengel: „Wie, einfach so? Ohne Werke?“

Mephisto: „Jaja, einfach so. Du bist doch so gut mit Worten. Mach doch einfach was mit Gerechtigkeit und Gnade und Erlösung.“

Botenengel räuspert sich: „Also gut! Fürchtet euch nicht und hört meine Worte. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“

Mephisto: „Na siehst du, geht doch. Und jetzt lass uns hier in Ruhe!“

Zählengel 1: „105.152, 105.149, 105.147! Ach, diese elende Blondierung!“


2. Szene. In der frühen Neuzeit. In Luthers Studierstube.

Luther: „Käthe. Ich zähle schon wieder ein graues Haar mehr. Bringe mir flügs eine Kanne Einbecker aus meinem Keller. Die soll mich meine Sorgen vergessen lassen.“

Katharina: „Die Kanne kannst du dir doch gut noch selber holen! Ich habe mich um deine Studenten zu kümmern!“

Luther: „Ach Herr Käthe, das macht doch mein Herz nicht mit! Wie konnte ich nur an eine Frau wie dich geraten! Du bist so, wie eine Frau gar nicht sein sollte. Du bist so wortgewandt, so klug. Das geziemt sich einer Frau gar nicht. Vielleicht wurdest du mir vom Antichrist geschickt? Aber nun gut, ich habe mich ja für dich entschieden, mich deiner erbarmt!“

Katharina: „Und wie konnte ich nur an dich geraten. Mit Worten kannst du umgehen. Aber nicht mit der Verwaltung, den Finanzen, dem gesamten Haushalt. Und jetzt gehen dir noch deine Haare aus. Vielleicht hätte ich mich doch lieber für Thomas Müntzer entscheiden sollen.“

Luther: „Nun, der hat gar keine Haare mehr. Ihn haben sie einen Kopf kürzer gemacht. Kein Wunder, wenn er sich mit diesen mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern einlässt. Die sind genauso gefährlich wie die Türken!“

Katharina: „Du hättest dich schon ruhig mehr für sie einsetzen können. Sie sind deiner Idee gefolgt. Der Freiheit eines Christenmenschen. Du weißt schon sole fide, sola gratia, solus christus, sola scriptura.“

Luther: „Nun, schon. Aber ich bin ja selbst auch nur ein Sünder. Ein geächteter Bettler bin ich. Gott sei mir gnädig. Bring mir nun ein Einbecker, ich mag meinen Kummer ersäufen!“

Katharina: „Jetzt fang nicht wieder damit an!“

Luther: „Ach, Herr Käthe, in dunklen Zeiten leben wir. Manchmal frage ich mich, wie die Menschen in 500 Jahren wohl so leben werden.“
Katharina: „Na solange die Männer dann selbst in der Lage sind, sich Bier zu holen, kann es nur besser werden.“

Luther: „Vielleicht gibt es dann so zänkische Frauen wie dich auch nicht mehr!“

Katharina: „Vielleicht werden aber auch die zänkischsten unter ihnen selbst auf der Kanzel stehen und predigen!“

Luther: „Da spricht der Antichrist aus dir! Wer soll denn dann das Pfarrhaus führen? Jetzt aber mal im Ernst, Katharina. Meinst du, sie werden sich an mich und meine Worte erinnern?“

Katharina: „An deine Worte und an deine Bibel werden sie sich vielleicht erinnern.“

Luther: „Und an mich?“

Katharina: „Wieso an dich? Man wird dich wohl kaum heilig sprechen und deine Reliquien in Kirchen ausstellen. Wer braucht schon dein ergrautes Haar in der Wittenberger Schlosskirche?“

Luther: „Nicht einmal ein bisschen?“

Katharina mit lautem Lachen: „Ich sehe es schon bildlich vor mir. Sie werden ein Fest zu deinen Ehren feiern. Die Straßen Wittenbergs sind mit Lutherrosen geschmückt. Und aus den Fenstern werfen sie Lutherbonbons. Alles wird es geben: Lutherbier und Lutherfiguren. Lutherkleidung und Lutherlocken. Deine 95 Thesen werden die Häuserwände zieren.“

Luther: „Meinst du wirklich?“

Katharina lacht schallend: „Bestimmt. Aber am Ende wird alles wieder so sein wie zuvor. Wenn das ganze Spektakel vorbei ist, wird nur eins bleiben: Protestantische Freiheit. So, und nun hol ich eine Kanne Einbecker. Aber für mich!“


3. Szene. In der Postmoderne. In einem Krankenhauszimmer.

Mephisto, in der Gestalt eines Krankenpflegers: „Ich habe dir Blumen und eine Karte mitgebracht.“

Sandra liest: „Die Welt ist voll alltäglicher Wunder. Zitat von Martin Luther. Danke! Das passt. Weißt du, die Ärzte haben gesagt, es sieht gut aus.“

Mephisto: „Gott sei Dank!“

Sandra: „Sag mal, wie hältst du es eigentlich mit der Religion?“

Mephisto: „Nun, mir fehlt der Glaube.“

Sandra: „Schade. Weißt du was, heute Morgen habe ich schon einige Haare entdeckt. Sie sind noch ganz fein. Aber sie wachsen wieder. Ist das nicht schön?“

Zur Werkzeugleiste springen