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Manifest der Generation Z

Predigt-Slam in Braunschweig am 10. Februar 2017:

Täglich updaten wir unser Instagram-Profil mit Selfies,
und posten unseren ThirdWave-Coffee in Snapchat
Wir folgen Sophia Thiel und Paola Maria.
Wir leben Fairtrade, Bio, Regional, Saisonal,
und natürlich auch Paleo und Vegan.
So wie unsere Tattoos aus Costa Rica und Taiwan.
Wir machen Booty-Gain und High-Carb und RawTill4.
Wir haben AbCrack, TighGap und Bikini Bridge.
Wir laufen um die Binnenalster in Nike Tights
mit den Urban Runners und edlen Beats.
Wir schwitzen bei SumoSquats, Deadlifts und PullUps.
Und dann tanzen wir wolkenlika im Kater Blau.

Wir müssen perfekt sein.
Wir müssen immer noch perfekter werden.
Noch besser funktionieren.
Noch schöner, noch intelligenter, noch sportlicher sein.

Wir arbeiten, studieren, gehen zur Schule.
Unsere Aufgaben erledigen wir fristgerecht.
Wir pimpen unseren Lebenslauf bis er glänzt.
Wir kommen nie mit dem Gesetz in Konflikt,
und wenn, dann nur ganz ausversehen.
Weil die Polizei neuerdings WhatsApp streamt.
Wir glauben an keinen Gott,
und auch an keinen Buddha.
Aber wir helfen alten Damen über die Straße,
überlassen Schwangeren einen Platz im Bus.
Wir sind für Flüchtlinge und gegen AFD.
Bei jeder Online-Petition setzen wir ein Kreuz.
Am Wochenende brunchen wir mit den Boys,
ziehen mit unseren Vätern durch die Clubs.
Wir hören KIZ, dröhnend aus Bluetooth Speakers, Zitat:

„Heut’ Nacht denken wir uns Namen für Sterne aus
Und machen Liebe bis die Sonne es sehen kann
Weißt du noch als wir in die Tische ritzten in den Schulen
”Bitte Herr vergib ihnen nicht, denn sie wissen was sie tun.”

– CUT –

Ich würde gern früher einschlafen und früher aufstehen.
Wie diese ganzen Duracell-Menschen
mit ihrem strahlenden Blend-a-Med-Lächeln.
Bei ihnen wird morgens einfach ein Schalter umgelegt
und sie springen fröhlich hüpfend aus dem Bett.
Danach folgt die Morgen Routine:
Laufen und Yoga, abgerundet mit Overnight Oats.
Mein morgendliches Yoga ist der Snooze-Button meines Handys.
Wenn ich dann vom Bett ins Bad falle,
komme ich trotzdem viel zu spät.
Frühstücken ist ein Fremdwort für mich.

Aber ich muss ja perfekt sein.
Ich muss immer noch perfekter werden.
Noch besser funktionieren.
Noch schöner, noch intelligenter, noch sportlicher sein.

Wenn ich in den Spiegel schaue,
sitzen meine Haare sitzen schon wieder nicht richtig.
Das tun sie eigentlich nie.
Selbst nicht mit Tingle Teazer und Got2Be.
Wenigstens einmal würde ich gern einen perfekten Lidstrich zeichnen
oder meine Nägel makellos lackieren können.
Das Laufen in HighHeels habe ich schon längst aufgeben.
Und wozu auch HighHeels?
Ich werde nie engelsgleich über den Asphalt schweben.
Wie die HighFemmes und Geishas dieser Welt.

Ich würde gern meine Aufgaben fristgerecht erledigen
Und Schwangeren einen Platz im Bus anbieten.
Ich würde mich gern mehr für Flüchtlinge einsetzen.
Und flöge liebend gern nach Costa Rica oder Taiwan.
Aber ich habe Flugangst.

Ich wäre gern Kreativer, meditativer,
eloquenter, kompetenter, populärer, elitärer,
bekannter, gewandter, beliebter, verliebter,
extrovertierter und versierter,

Ich würde gern schön singen und durch den Regen tanzen können.
Ich würde gern Worte wie Depression und Panik vergessen können.
Und über den Asphalt schweben. Oder einfach auch nur telefonieren.
Aber ich bin ja nur ich.

– CUT –

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer,
und Finsternis lag auf der Tiefe.
Und Gott sprach: „Lasset uns Menschen machen,
ein Bild, das uns gleich sei.“
Und Gott schuf die Menschen zu seinem Bilde.
Und dann sah Gott, alles, was er gemacht hatte,
und siehe, es war sehr gut.

– CUT –

Wir sind, wie wir sind.
Wir müssen nichts.
Wir dürfen alles.
Denn wir sind gut, sehr gut sogar.

Ohne Freeletics, ohne RawTill4,
ohne AbCrack, TighGap, Bikini Bridge,
SumoSquats, Deadlifts, PullUps und Overnight Oats.
Ohne HighHeels, Lidstrich, Nagellack,
und auch ohne Blend-A-Med-Lächeln.

Wir sind, wie wir sind.
Wir müssen nichts.
Wir dürfen alles.

Wir machen ein Lagerfeuer am See.
Wir singen laut, ganz schief und krumm.
Tanzen barfuß am Strand,
Wir feiern und lachen
Und weinen, wenn uns danach ist
Wir liegen auf dem Steg,
schauen in den Sternenhimmel,
trinken Sterni und rauchen Gras.
Wir Schnipsen die Kronkorken in das Wasser,
bis sie ovale Kreise ziehen.
Wir, mit unseren Kinderherzen und Kolibriseelen.
Wir reden über die Liebe und das Leben.
Die ganze Nacht lang.
Und es ist sehr gut.

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