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Ich erinnere mich

Unveröffentlicht, in Braunschweig am 7. März 2018:

Ich erinnere mich.
Im Sommer war dein Rücken sonnenverbrannt.
Tagelang warst du im Schrebergarten.
Er lag gleich neben den Bahn-Schienen, zwischen den Hochhäusern.
Im Spätsommer verwandelte sich das Rot in Braun.
Deine dichten Haare wurden sonnenblond.
Nun sind sie weiß wie Schnee.

Ich erinnere mich.
Auf deinen Schultern hast du mich durch den Garten getragen.
Von dort aus konnte ich die ganze Welt sehen: Meine Welt.
Du kamst mir so unglaublich stark vor.
Manchmal hast du mir deine Muskeln gezeigt.
Du warst nicht nur stark, sondern auch groß.
Größer als alle Männer, die ich kannte.
Nun reichst du mir bis zur Nasenspitze.

Ich erinnere mich.
Du hast mir alles ganz genau erklärt.
Wie man Radieschen ausgräbt, dreckverkrustet.
Wie man die Bäume vom Gewicht der Pfirsiche befreit.
Wie Erdbeeren schmecken: Dunkelrot und sommersüß.
Du hast mir erklärt, wie man auf Bäume klettert.
Da saß ich dann den ganzen Nachmittag.
Die Borke stach in meine Kinderhaut.
Irgendwann setzte die Dämmerung ein.
Der Ruf der Eule erklang.
Du hast mir alles erklärt.
Dabei war deine Zeit als Lehrer längst vorbei.
Aber du warst mein Lehrer.
Und das ist bis heute so.

Ich erinnere mich.
An deine Wohnung, an eure Wohnung.
4. Stock im Plattenbau.
50 Quadratmeter für zwei Personen.
Mit Blick auf den Innenhof.
Auf den Spielplatz, auf die Bäume.
Ich war oft bei dir zu Gast.
So wie deine anderen Enkel.
Und deine Kinder:
Kinder aus drei Ehen.
Irgendwann kamen noch deine Urenkel dazu.
Wir tobten durch eure kleine Wohnung.
Entdeckten Alt-Abzeichen, Brockhaus-Reihen, Chemiebaukästen.
Nun wohnt ihr in einem Seniorendomizil.
Im Parterre.
Aber mit Balkon.

Ich erinnere mich.
Du hast mit mir stundenlang Häuser aus Pappe gebaut.
Mit einem spitzen Bleistift hast du sie vorgezeichnet.
Dann hast du den scharfen Cutter angesetzt.
Das Ergebnis waren Modelllandschaften.
Träume aus einer anderen Welt.
Du hast mit mir Kreuzworträtsel gelöst.
Du wusstest auf alles eine Antwort.
Du hast mir deine Briefmarken gezeigt.
Ich mochte am Liebsten die mit Schmetterlingen.
Einige Jahre später die mit Kirschblüten, aus Japan.
Du hattest Brieffreundschaften in der ganzen Welt.
Viele Briefe gabst du mir zum Lesen.
Sie handelten von Tempeln und Theatern.
Von Museen und Musik.
Von fremden Freunden.
Nun ist dein Licht fast verloschen.
Und ich lese sie dir vor.

Ich erinnere mich.
An Nächte ohne Schlaf.
Ich lag zwischen euch beiden: Du rechts, sie links.
Draußen knallten die Feuerwerkskörper.
Ich spürte eure Angst, ganz unterbewusst.
Wie eine nie verschlossene Wunde.
Irgendwann schliefst du ein.
Geräuschvolles Schnarchen.
Klangteppich der Nacht.
Ich zwischen euch: geborgen.
Nun hält sie dich wach.

Ich erinnere mich.
Du hast immer zu viel gekocht.
Wirklich viel mehr als genug.
Und was du alles kochen konntest!
Eisbein und Forelle.
Blutwurst und Hähnchen.
Kasseler und Suppe.
Vielleicht mit etwas zu viel Fett.
Aber immer ein Festessen.
Nun kochst du zwei Kartoffeln mit Quark.
Mehr könnt ihr nicht essen.
Dein Gewicht hat sich halbiert.

Ich erinnere mich.
Aber nur noch dunkel.
Alle fünf Minuten hast du geraucht.
Dann aber: Herzinfarkt.
Chronische Bronchitis.
Du wolltest leben, mit jedem Atemzug.
Von einem zum anderen Tag gabst du das Rauchen auf.
Nun zeigst du ihr ihre Zigaretten.

Ich erinnere mich.
An deine Worte.
Die ich oft nicht hören wollte, konnte.
1927 bist du geboren.
Ich weiß nicht einmal wo: Im Nirgendwo.
Nirgendwo ist nicht mehr Deutschland.
1939. Du 12. Der Krieg brach aus.
1943. Du 16, musstest kämpfen.
An der Front, Tag für Tag.
Wurdest verletzt, lebensbedrohlich, Munition im Hals.
Plötzlich: Der Krieg war vorbei.
Befreiung, nur nicht für dich.
Du warst gefangen, Arbeitsdienst in Russland.
Kilometerlange Märsche. -40 Grad.
Lungenentzündung, Bronchitis.
Um dich herum: Tod. Und manchmal: Mord.
1948. Du 21, flohst zu deiner Familie.
Nach Niedersachsen, nach Peine.
Später kamst du nach Berlin.
Du wurdest Lehrer.
In einer neuen Diktatur.
Die Bedrohung war jetzt eine andere.
Sie kam mehr von innen.
Aber du arrangiertest dich.
Du liebtest viele.
Und am Ende nur eine:
Meine Großmutter.
Und das ist bis heute so.

Du bist jetzt 90 Jahre alt.
Deine Haare sind weiß wie Schnee.
Du reichst mir bis zur Nasenspitze.
Wohnst im Seniorendomizil.
Dein Gewicht hat sich halbiert.
Dein Licht ist fast verloschen.
Aber deine Liebe nicht.
Du kümmerst dich um sie.
Meine Großmutter.
Dement. Sie weiß fast nichts mehr.
Sie fragt alle zehn Minuten das Gleiche.
Aber du bleibst für sie wach, passt auf sie auf.
Du erinnerst sie, du zeigst ihr ihre Zigaretten.
Du kochst für sie Kartoffeln mit Quark.
Und manchmal auch für mich.

Ich erinnere mich.
Aber nein, ich erinnere mich nie genug.
Ich möchte jede Erinnerung festhalten.
In mir einsperren, konservieren, nie mehr loslassen.
Aber wenn nur eine bleibt,
wenn ich nur eine festhalten könnte:
Dann diese eine: Deine Liebe.

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