Menu Close

Ganz unverbindlich

Poetry-Slam in Braunschweig am 23. September 2016:

Freundschaft Plus – das ist doch die idealste aller Beziehungsformen. Die einen erleben, die anderen erhoffen sie. Freiheit kombiniert mit Nähe, Singledasein mit Sex, Freundschaft mit gewissen Vorzügen. Und natürlich alles ganz unverbindlich.
Ganz unverbindlich samstags miteinander ins C1 gehen und danach – wie selbstverständlich – miteinander ins Bett. Oder miteinander in der Okercabana sitzen. Oder miteinander im Tegtmeyer essen. Oder auch nur im Greifhaus bouldern. Oder auch mal jemand Drittes aufreißen, einfach so, weil man’s kann. So unverbindlich. Miteinander verlieben. Miteinander leiden. Miteinander tanzen, feiern, lachen, weinen. Aber natürlich alles ganz unverbindlich.
Und die Nächte durchvögeln. Größtmögliche Nähe durch größtmögliche Ferne. Körper an Körper. Haut an Haut. Atem in Atem. Ein. Aus. Ein. Aus. Und: Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind. Und am nächsten Morgen Kaffee und der Geruch von kaltem Rauch. Miteinander getrennte Wege gehen. Ganz unverbindlich.

Aber ganz so leicht ist es dann doch nicht immer. Denn die Meinungen darüber, was unverbindlich und was verbindlich ist, gehen auseinander. Unverbindliches wird verbindlich, Verbindliches unverbindlich. Und selbst wenn das „Un“ und das „Ver“ wegfällt, dann ist es zumindest immer noch „bindlich“. Und es bindet vor allem eins: Gefühle. Es entsteht unverbindlich verbindliches Drama und verbindlich unverbindliches Chaos: Verunbindlich.
Und so war auch ich schon einmal verunbindlich. 8 Monate, 12 Tage, 23 Stunden, 15 Minuten und 6 Sekunden verbindlich unverbindlich. Und weil es in einem Märchen immer auch ein Arschloch geben muss: In diesem Fall war das Arschloch ich.

Es war einmal, und es war ganz unverbindlich. Sie und ich. Wir kannten uns schon seit fast 2 Jahren. Und anfangs war es einfach nur das: Freundschaft. Miteinander tanzen, feiern, lachen, weinen. Pfannkuchen mit Ahornsirup frühstücken und Game of Thrones schauen, was man halt so macht.
Bis aus der verbindlichen Freundschaft etwas Unverbindliches wurde. Und vielleicht stand am Anfang eine laue Sommernacht und vielleicht auch einfach eine Flasche Wodka, auf jeden Fall aber viele aufgestaute Gefühle, die ausbrachen und plötzlich explodierten. Körper an Körper. Haut an Haut. Atem in Atem. Und: Ein. Aus. Ein. Aus. Und: Bis die Wolken wieder…
Und es blieb alles ganz unverbindlich. Unverbindlich begeisterten wir uns vielleicht für Abramovic, und vielleicht liefen wir im strömenden Regen durch den Park und vielleicht tanzten wir miteinander die ganze Nacht, alle anderen waren uns egal. Und vielleicht teilten wir ganz unverbindlich miteinander das Bett.
Wir waren miteinander 3 Tage wach. Wir standen beieinander vor der Tür, nachts um 3. Wir suchten einander noch eine 3 zu unserer 2. Ganz unverbindlich.
Und vielleicht hätte es so unverbindlich immer weiter gehen können und vielleicht hätte es auch zu einem ganz verbindlichen „Wir“ führen können. Doch es wurde: Verunbindlich. Weil ich das Verbindliche unverbindlich wollte und sie das Unverbindliche verbindlich.
Und: weil wir nicht nur wir 2 blieben, sondern weil uns ganz unverbindlich noch andere Verbindlichkeiten bindeten. Und so teilte sie ihr Bett recht verbindlich mit ihrer Ex, die wiederum mit meiner Ex nicht nur ihr Bett, sondern auch ihr Leben teilte. Und recht unverbindlich teilte sie ihr Bett mit weiteren Frauen und Männern, an die sie sich nur für die Dauer einer Nacht bindete.
Und auch ich teilte das Bett recht unverbindlich mit einem Mitbewohner und wollte mich zudem recht verbindlich an eine 3. binden, die jedoch wiederum mit mir nur eine Freundschaft verband. In einem verbindlich vereinbarten polyamourösen Konzept mag das alles funktionieren. Aber wenn man in der einen Nacht mit dem einen und in der anderen Nacht mit der anderen das Bett teilt, dabei sich in Gedanken an eine 3. bindet, allen alles verheimlicht, dann endet es in verunbindlichen Drama und Chaos.

Und so kam es, wie es kommen musste. Sie und ich. Nächtliche Liebesbezeugungen, ein Aschenbecher voller Kippen, Tränen vermengt mit Regen, und der Regen klingt wie Applaus. Vielleicht ein letztes Mal das Bett miteinander teilen. Aber nicht schlafen können, Körper an Körper, Haut an Haut. Durch eine Mauer an Unverbindlichkeiten getrennt. Und karmesinroter Lippenstift bröckelt wie Pflaster-steine. Der Atem schneidet wie Rasierklingen. Ein. Aus. Ein. Aus.

Und wenn sie nicht gestorben sind. Und wenn sie nicht gestorben sind dann ist Freundschaft Plus immer noch die idealste aller Beziehungsformen. Aber natürlich nur ganz unverbindlich.

Zur Werkzeugleiste springen