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Erzähle es Kindern und Kindeskindern

Predigt am Holocaust-Gedenktag (27.1.2019):

ZDF-Fernsehgottesdienst. Faina gewidmet.

Über 70 Jahre ist es nun her. Ein Menschenleben lang. Der Staub der Geschichte legt sich über diese Jahre. Persönliche Erinnerungen verblassen, sie bleichen aus. Kaum jemand kann noch davon erzählen.
 Aber: An den Toren von Auschwitz trennen sich die Wege.
 Auch heute noch.
 Es bleibt ein Riss.

Die einen kommen, um zu lernen. Sie möchten sich der Vergangenheit bewusst werden. Sie erhalten eine Vorstellung von dem, was war. Was Menschen einander angetan haben. Sie sehen Schuld. Vielleicht sogar ihre eigenen Vorfahren.

Die anderen kommen, um zu trauern. Sie haben ja sonst keinen Ort, 
an dem sie ihre Angehörigen beweinen können. Sie gehen dann in eine Baracke. Sie suchen nach dem Holzbett, von dem ihr Großvater berichtet hat. Er hat es auf einer Karte aufgemalt. Dort hat er damals geschlafen. Er hat überlebt. Alle anderen starben. An diesem Ort der absoluten Gottesferne. Die Zahlen am Arm trägt er noch. Manchmal tun es die Enkel dann nach. Sie lassen sich die Zahlen ihrer Vorfahren tätowieren. Als Gedenken, als ewiges Zeichen, als Mahnmal. Damit die Erinnerungen nicht verblassen.

Manche wollen nicht wahrhaben, was damals geschah. Leugnen oder verharmlosen die Verbrechen. Besonders die Verantwortlichen. Und die, die heute ihren Parolen folgen. 
„Bewahre deine Seele gut, damit du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben.“, (Dtn 4,9) widerspricht ihnen die Bibel. Bewahre deine Seele gut, schaue hin und erzähle. Damit deine Seele heil werden kann.

Denn diese Vergangenheit prägt uns tief. Wir können sie nicht einfach abstreifen. Sie werden über Generationen hinweg vererbt. Seltsame Indizien verraten etwas davon: Da enthalten Fotos aus der NS-Zeit Löcher. In den Familien-Alben sind ganze Seiten leer. Und das Silberbesteck trägt ein unbekanntes Monogramm. Manchmal tritt noch bei Kindern und Kindeskindern ein fremder Schmerz zutage. In diffusen Ängsten. Die schnell in Hass und Gewalt umschlagen können. Oder Aggressionen.

Darum will ich erfahren, was Menschen erlebt haben. Aus ihrem eigenen Mund. Ihre Geschichten sagen mir, wer ich bin. Wenn ich mit Kriegskindern hier spreche, also mit älteren Menschen aus meiner Gemeinde, wenn ich sie nach ihrer Geschichte frage,
antworten sie anfangs eher zögerlich. Doch dann kommen sie ins Erzählen. Die Erinnerungen sind in ihre Herzen eingeritzt. Sie können nicht vergessen, was sie gesehen haben. Ihre Kindheit im Krieg war geprägt von Hunger und Armut. Von Vertreibung und Flucht, von ständiger Angst. Anders als für alle, die den gelben Stern tragen mussten, gab es für sie aber auch Momente des Glücks: So habe ich ein Video gesehen, eine alte schwarz-weiß Aufnahme. Darin habe ich gesehen, wie Kinder im Garten spielen – und lachten. Bis auf einmal der Fliegeralarm losging, sie in den Keller mussten.

Wie viele Städte wurde auch Braunschweig komplett niedergebrannt. Auch diese Kirche hier, die ehemalige Garnisonskirche, wurde getroffen. Viele Jahre war sie mit Trümmern gefüllt. Nach dem Krieg spielten die Kinder in den Trümmern, in den Bombenkratern. Sie spielten weiter Krieg, denn sie hatten ja nie etwas anderes erlebt. Ihre Eltern hüllten sich lange in Schweigen. Auch, als alles ans Licht kam: Holocaust. Schoa. Gottesfinsternis.

Manche öffneten ihren Mund erst auf dem Sterbebett. Mit verdrängter Schuld lässt sich schwer leben. Fragen wurden lauter. Die Spurensuche begann. In Dachau, Bergen-Belsen, YadVashem. Aber auch vor der eigenen Haustür. Vielen verschlug es die Sprache. Es blieb nur das Gebet: „Erlöse uns von dem Bösen. Vergib uns unsere Schuld.“ Ahnend, dass Schuld nur von dem vergeben werden kann, dem sie angetan wurde. Einer fiel wortlos auf die Knie. Stellvertretend für viele andere. 1970. Am Mahnmal des Warschauer Ghettos. Diese Bitte um Verzeihung hat sich vielen eingebrannt.

Bewahre deine Seele gut, damit du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben.“ (Dtn 4,9)

Das Erinnern an Auschwitz macht mir vieles bewusst: Was Christ*innen ihren Brüder und Schwestern angetan haben. Wenn sie anders waren, als es die NS-Ideologie vorsah. Als Sinti oder Roma. Als Frau mit einer Behinderung.
Als Mann, der Männer liebte.
Als politisch Verfolgter. Das Erinnern an Auschwitz macht mir auch meine Wurzeln bewusst.

Als Christin denke ich besonders an das Judentum. Und ich erkenne den Verrat,
 den Christ*innen an jüdischen Mitmenschen begangen haben. Über Jahrhunderte hinweg.
Ich begreife:
Mit dem Judentum teilen wir die biblische Überlieferung. Wir haben dieselben Mütter und Väter: Abraham und Sarah, Israel und Rahel. Dem jüdischen Volk gilt uneingeschränkt Gottes Zusage. Das ist sein erwähltes, sein geliebtes Volk.

Das Christentum ging aus dem Judentum hervor. Jesus wurde als Jude geboren, von einer jüdischen Mutter. Er lebte als Jude. Er starb auch als Jude.
 Mit dem Judentum teilen wir unsere Vergangenheit. Aber auch große Hoffnungen.
Die Hoffnung auf Zukunft.
 Die biblischen Propheten haben sie sich immer wieder vor Augen gemalt:
 Es gibt einen Ort, es gibt eine Zeit, in der alle in Frieden leben können.

Der Seher Johannes – ein Nachfolger Jesu malt die Vision der großen Propheten weiter aus. Er sieht: „Bäume des Lebens.
Sie tragen zwölfmal Früchte,
und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Nationen.“ (Offb 22,1–3) Alle Wunden werden heilen. In den Völkern und zwischen den Völkern. Gott tut das, was nicht in meiner Macht steht. Gott wird die Nationen von ihrem Schmerz erlösen. Damit alle gemeinsam im Frieden leben. Nicht nur meine Erinnerungen an die Vergangenheit prägen mich. Sondern auch meine Bilder von der Zukunft. Meine Hoffnungen und
T räume. Meine Vorstellung von einem gelingenden Leben. Gottes Wort sagt mir, wie er sich mein Leben vorstellt: Friedlich versöhnt mit allen Menschen.

Vergangenheit und Zukunft bestimmen meine Gegenwart. Sie bestimmen mein Handeln. Sie schärfen meinen Blick: Jüdische Freunde erzählen mir von ihrer wachsenden Angst.
Pro Tag kommt es in Deutschland zu vier antisemitischen Übergriffen. Vier! Pro Tag in Deutschland! Viele jüdische Menschen haben aufgehört, religiöse Symbole zu tragen. Die Halsketten mit Davidssternen bleiben im Schrank.
 Die Kapseln mit Torah-Texten hängen nun innen, statt außen an der Tür. Aus Angst vor Übergriffen werden meine Freunde vorsichtiger.

Dabei liegt es an uns, das zu verhindern.
 Die Täter*innen kommen aus allen Schichten unserer Gesellschaft. „Antisemitismus ist nicht das Problem eines Milieus,
sondern wir haben ihn rechts, links, in der Mitte der Gesellschaft. Und wir haben ihn im muslimischen, im christlichen und im atheistischen Milieu.“ (V. Beck)

Einige meiner jüdischen Freunde haben mir erzählt, dass sie auf gepackten Koffern leben. So wie Juna zum Beispiel: „1933 lehrt: Manchmal kann es zu spät sein, ein Land zu verlassen. Sie sagt: „Ich weiß, ich kann schnell gehen. Ich besitze nicht viel. Das klingt so leicht. Ich bin in Berlin geboren, es ist mein Zuhause. Ich bin Europäerin durch und durch.
Man lässt sein Leben nicht ohne Weiteres zurück. Ich will kein Flüchtling werden.“ (J. Großmann)

Am Schlimmsten sagt Juna, ist das Schweigen. „Es herrscht ein ohrenbetäubendes Schweigen derer,
die widersprechen könnten, die allem Einheit gebieten könnten. Es bleibt wie so oft, bei den Bedrohten, bei den Opfern selbst, sich zu wehren, laut zu werden.“ (J. Großmann)

Ich denke:
 Wir dürfen nicht schweigen.
 Wir dürfen nicht wegsehen.
 Nicht noch einmal.
 Niemals mehr.
 Verrat an ihnen ist auch Verrat an Gott.
 „Bewahre deine Seele gut, damit du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben.
 Damit es nicht aus deinem Herzen kommt dein ganzes Leben lang.
 Und du sollst es deinen Kindern und Kindeskindern erzählen.“ (Dtn 4,9) Wir müssen reden.
 Erinnern und Erzählen.
 Hoffen und Träumen.
 Reden von dem, was war.
 Und von dem, was sein wird.
 Nicht, um Vergangenheit zu konservieren. Oder, um uns in Visionen zu flüchten.

Wir müssen reden.
 Um handlungsfähig zu werden.
 Um für das Leben einzutreten. 
Hier und heute. 
Für eine bunte Gesellschaft.
 Denn: Wir sind alle Kinder Gottes. Amen.

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