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Eines Tages wird es sein

Poetry-Slam in Hannover am 8. Februar 2020:

Heute sind sie alle gekommen.
Petrus, der Aufbrausende.
Maria, die Suchende.

Martha, die Aufopfernde.
Johannes, der Liebende.
Auch Thomas, der Zweifler.
Und die anderen: Andreas, Johanna,
Jakobus, Philippus, Bartholomäus,
Salome, Matthäus, Thaddäus,
Simon und Susanna.
Mit zu großen Ohren, zu schiefen Zehen,
zu haarigen Beinen, mit Leberflecken und Narben.

Alle sind sie versammelt.
Miteinander in einem Haus.

Jesus ist gegangen.
Für immer.
Ihre Herzen sind dunkelgrau vor Wehmut.
Ihre Seelen zerbrochen in Scherben.
Bruchstücke der Erinnerung.
Sie erinnern sich:
An gemeinsame Tage.
Gemeinsames Essen.
Brot und Wein.
Nimm hin und iss.
Nimm hin und trink.
Für dich.
Sie erinnern sich an:
Sich ganz fühlen.
Eins-Sein.
Geheilt.


Und auf einmal:
Ist das Vorbei.

Soll das alles Vorbei sein.

Ist jetzt: Schutt und Staub.
Nach dem Feuer bleibt die Asche.
Und der Schmerz.
Sie haben nur noch einander.
Sie klammern sich aneinander fest.
Halten die Erinnerungen hoch.

Und dann.
Auf einmal:
Erst ein leises Säuseln.

Dann ein starkes Geräusch.
Windbrausen.
Rütteln und Stoßen.
Aufrütteln. Wachstoßen.
Feuer erscheint.
Im Kopf zuerst.
Dann auch im Herzen.
In der Stimme ihres Herzens.
Lebendiges Wort.
Sie sind erfüllt von Atem und Kraft.

Gold fließt in ihre Seelen.
Es verbindet die Scherben.
Fügt die Bruchstücke zusammen.
Sie sind wieder:
Eins. Geheilt. Ganz.

Sie reden zu den Menschen von ihrem Traum.
Nicht in Worten von dieser Welt.
Sondern in Worten, die der Geist sie lehrt.
Geist Gottes.
Gedanken Christi.

Auch wir sind alle versammelt.
Der Aufbrausende. Die Suchende.
Die Aufopfernde. Der Liebende.
Der Zweifler. Und die anderen.

Mit zu großen Ohren, zu schiefen Zehen,

zu haarigen Beinen, mit Leberflecken und Narben.

Du. Und ich.

Wir sind hier.
Wir sehnen uns nach:

Ganz fühlen.
Eins-Sein.
Heilung.
Und wir sind es doch schon längst.

Der Wind rüttelt uns auf.
Stößt uns wach.
Flüstert uns zu:
Du bist geheilt.
Goldglanz in unseren Seelen.
Das Feuer ist in unseren Köpfen.
In unseren Herzen.
Lebendiges Wort.
Erfüllt uns mit Atem und Kraft.

Gottes Geist hält die Verbindung aufrecht.
Er trägt alles zu Gott
.
Er kennt sich aus in dir, in mir.
In unserem Leben.
Er hält die Verbindung zu Gott.
Auch gerade dann,
wenn du zu schwach dafür bist.
Oder zu müde geworden.
Gottes Geist ist dabei,
wenn du Freude am Leben schmeckst.
Laut loslachst, ohne an morgen zu denken.
Ganz jetzt, im Augenblick.
Tanzen, spielen.
Fröhlich und unbeschwert sein.

Manchmal auch: verrückt.
Gottes Geist fürchtet sich vor nichts.

Er sitzt neben dir, wenn du nicht mehr kannst.
Er legt dir die Hand in den Rücken.

Richtet dich auf.

Trägt dich und hält dich aus.

Wir haben den Geist Gottes empfangen.
Den Geist, den Gott uns schickt.
Den Geist, den Gott uns schenkt.
Mit Wind und Feuer und Gold.
Wir reden davon, wie wir es können.
Mit Worten, die der Geist uns lehrt.
Wir reden vom:
 Ganz fühlen und Heil sein.
In der Stimme unseres Herzens.

Und wir fangen an zu träumen:

Eines Tages wird es sein,
da kommen wir alle zusammen.
Wir sitzen im Gras,
spüren die Halme unter den Fingern.
Die Bäume bilden über uns ein Dach.
Staub spielt mit dem Schatten.
Wir kommen zusammen, so, wie wir sind.

Mit unseren zu großen Ohren,
zu schiefen Zehen,
zu haarigen Beinen,
unseren Leberflecken und Narben.
Mit unseren zu großen Worten.
Unseren Fragen, unseren Zweifeln.

Mit unserem Begehren.

Eines Tages wird es sein,

da kommen wir alle zusammen.
Es wird keine Ziegel mehr geben,
auch keine Mauern.
In den Ruinen der Kirchen
wachsen Löwenzahn und Sauerampfer.
Der Wind säuselt sanft durch die Mauerritzen.
Im Taufwasser baden die Amseln.
Es wird keine Pfarrer mehr geben, auch keine Priesterinnen.
Es gibt keinen Verwaltungsapparat und keine Bürokratie.
Niemand fragt nach Rechnungsprüfung und Baugenehmigung.
Keine Vorschriften mehr, keine Gesetze.

Eines Tages wird es sein,

da kommen wir alle zusammen.
Wir können uns nicht mehr verletzen,

wir haben einander oft genug verletzt.
Wir kennen einander.
Wir erkennen einander.
Und siehe, es ist sehr gut.
Eines Tages wird es sein,

da kommen wir alle zusammen.
Und eine wird die Bibel nehmen und lesen.
Und einer verteilt das Brot und den Wein.
Nimm hin und iss.
Nimm hin und trink.
Für dich.
Wir stimmen ein Lied an:
„Nichts soll dich ängstigen,
nichts soll dich fürchten.“
Jesus ist mitten unter uns.
Gold fließt in unsere Seelen.
Es verbindet unsere Scherben.

Die Amseln stimmen mit ein,

erheben sich zum Himmel.
Eines Tages wird es sein,

da wird Gott ausgießen seinen Geist.
Auf alle seine Söhne und Töchter,
auf alle seine Kinder.
Und wir werden im Gras sitzen
und anfangen,
zu träumen.