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Du siehst mich

DEKT-Slam in Berlin am 26. Mai 2017:

Grau in Grau. Stein an Stein.
Die Häuser ragen wie Asphaltriesen empor.
Der Himmel eingesperrt in einem Viereck aus Beton.
“Wenn ich auf meinem Bett ganz hoch springe,
dann bin ich höher als die Häuser,
dann kann ich den Himmel mit den Fingerspitzen erreichen,
dann kann ich die Wolken fühlen.“
Der Spielplatz aus Metall.
Kalt an der Haut.
Die Knie unter den Flickenhosen vom Schotter zerschrammt.
Aber eine Schaukel im Flur.
Und Freunde im 13. Stock.
Im Garten hoch auf die Bäume klettern.
Den Wind in den Haaren spüren.
Mit den Freunden Fange spielen.
Manchmal auch Schmiere stehen.
Abends mit Musik im Herzen einschlafen.
Die ersten Fragen stellen.
“Wer war eigentlich dieser Jesus?
Gab es den wirklich?“

Du bist ein Gott, der mich sieht.

Auf in die Schule.
Eine Zuckertüte voll Buchstaben in der Hand.
“Ich will so viel lernen! So viel wissen.“
Geige spielen und „My Fair Lady“ singen.
Galaxien erkunden und Natur bewahren.
Den örtlichen See retten.
Und träumen!
Immer ein Buch dabei.
Eine Geschichte im Kopf.
Die mit dem Schaf.
Mit dem einen Schaf.
Das hat Gott im Blick.
Das geht nicht verloren.

Du siehst mich.

Und wenn du Gott siehst,
siehst du das Sonnenlicht hinter dem Grau des Asphalts.
Spürst du den Wind an deinen Haaren ziehen.
Fühlst eine Sehnsucht nach Weite.
Als würdest du am Meer stehen.
Am Horizont wird es zum Himmel.
Du siehst mich.

„Wer bin ich eigentlich?
Neben der Schule?
Wenn ich abends nach zehn Stunden heim komme,
wer bin ich dann?
Schwester, Tochter, Enkeltochter?
Schulkind, Schuljugendliche?
Wer bin ich?“
Und wo ist das eigentlich, dieses „heim“?
Was ist Heimat?

Heimat ist…
Konfirmandenunterricht.
Zwischen den Plattenbauten, beim See, die Kirche.
Die kleinste Dorfkirche Berlins.
Ihren Turm hat sie verloren.
Manchmal dürfen wir Konfis zum Gottesdienst läuten.
Konfirmandenunterricht ist auf dem Dachboden des Gemeindehauses.
Dort übernachten, in der Bibel lesen, darüber reden, das ist irgendwie Heimat.
Und die gemeinsamen Fahrten an das Meer, übernachten unter’m Sternenhimmel.
Wie Suchen und Gefunden werden.

Später die Demonstrationen gegen den Krieg.
Gegen die Rechtsradikalen.
Gegen Atomkraftwerke.
Überhaupt protestieren.
Gegen alles und jeden.
„Ich bin dagegen, denn ihr seid dafür.
Ich bin dagegen, ich bin nicht so wie ihr.“
Ich bin dagegen mit kurzen Haaren,
und viel zu großen Klamotten.
Nirgendswo dazugehören.
An manchen Abenden viel zu müde ins Bett fallen.
Mit zu viel Dunkelheit im Herzen.
Mit zu viel Einsamkeit.
Wo ist dein Gott jetzt?

Und wo kommst du her und wo willst du hin?

Heimat ist…
Verloren gehen.
Auf den Dächern Berlins die Stadt bewundern.
Auf Partys feiern.
Zu lange weg bleiben.
Zu lange wach bleiben.
Tanzen. Atmen. Leben. Lieben.

Heimat ist…
Verloren gehen.
Drei Wochen Zelten im Sommer.
Nur weg von daheim.
Lagerfeuer im Wald.
Mit Liedern.
Mit Spielen.
Mit Shisha und Pois.
Den ganzen Tag bei 40 Grad am Flussufer liegen,
den Blick zum wolkenlosen blauen Himmel.
Goldblonde Haare bekommen.
Schwimmen. Lachen. Leben. Lieben.

Manchmal ist da eine Wasserquelle mitten in der Wüste.

Heimat ist…
Gefunden werden.
Gottesdienste besuchen.
Über Gott nachdenken.
Über Jesus nachdenken.
Zur Ruhe kommen.
Selbst Teamerin werden.
Kinder und Jugendliche begleiten.
Kindergottesdienste feiern.
Konfis unterrichten.
Kann man das studieren?
Auch ohne alte Sprachen?

Du siehst mich.

Und wenn du Gott siehst,
gehst du niemals ganz verloren.
Du spürst die Liebe in dir wirken.
Fühlst eine Sehnsucht nach Weite.
Als würden die Lieder am Lagerfeuer nie enden.
Nur, dass alles in dir singt.

Du siehst mich.

Und dann doch Theologie studieren.
Glücklich sein.
Sich verstanden fühlen.
Die Liebe zur Bibel entdecken.
Zu Hagar und Sara.
Zu Isaak und Ismael.
Und immer wieder Kunst betreiben.
Texten und Musizieren.
Dichten und Fotografieren.
Lernen und Leben sind eins.
Auf der Wohnheims-Terrasse Heym und Lörke lesen,
Bis in Berlin die Abenddämmerung beginnt:
„Bis der Himmel in die Straßen wie in Kanäle fließt,
alle Straßen voll vom Himmelblauen.
Und die Musik der Millionen strömt
laut wie ein Korybanten-Tanz durch die Straßen Berlins“

Durch die Bars und Clubs Berlins ziehen,
ins Holzmarkt oder ins Kater Blau.
„Bad ideas make the best memories“ dröhnt es aus den Boxen,
während Menschenkörper im Stroposkoplicht rhythmisch zucken.
Schwarz zu Blau. Und: „Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein.“

Manchmal ist da eine Wasserquelle mitten in der Wüste. Ein Engel wartet auf dich.

Nach Taizé fahren.
Suchen und Finden sind eins.
Einssein erfahren.
In den Alpen wandern.
Den Wind in den Haaren spüren.
Dem Himmel so nah kommen.
Die Wolken fühlen.
Immer weiter lernen und leben.
Auch nach dem Studium, in der Gemeinde.
Mitten in der Braunschweiger Provinz.
Auf Jugendfreizeiten, im Kloster.
Im Gottesdienst, auf der Bühne.
Lernen und Leben.

Wie ein nie enden wollender Brunnen lebendigen Wassers.

Ich sehe Gott,
wenn ich den Wind in meinen Haaren spüre,
wenn ich ein Lied in meinem Herzen singe,
wenn ich eine Sehnsucht nach Weite fühle.

Alles ist eins:
Das Grau der Häuser,
das Blau des Himmels.
Der Schein des Feuers,
der Klang der Glocken.
Die Nacht auf der Terrasse,
Das Wort im Gottesdienst
Der Tanz an der Spree,
der Gesang in Taizé.
Verloren gehen und Gefunden werden.
Tanzen, beten, leben, lieben.

Du bist ein Gott, der mich sieht.

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