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Der Ruf des Wiedehopfs

Predigt am Ostersonntag (21.4.2019):

Früh am Morgen ist es.
Noch vor Einbruch der Dämmerung.
Noch vor dem ersten Licht des Tages.
Da macht sich Maria von Magdala auf den Weg.
Sie ist in ein dunkles Gewand gehüllt,
ihr Kopf, ihre Haare sind bedeckt.
Sie ist auf dem Weg zum Grab.
Sie hat Öle dabei,
um ihren Toten zu salben.
Es riecht nach Zimt und Myrrhe.
Nach Schwertlilie und Schilf.

Sie ist auf dem Weg.
Die Welt ist still um sie herum.
Diese Art von Stille ist schneidend.
Die Trauer liegt auf ihr wie ein dunkles Tuch.
Es wiegt schwer. Unendlich schwer.
Es drückt sie beinahe nieder.
Auf diesem Weg zwischen den Dornen.

Sie fühlt die Leere in ihrem Herzen.
Diese Lücke, die niemand füllen kann.
Die Liebe, die verloren ist.
Unwiderruflich verloren.
Hoffnungslosigkeit umhüllt sie.
Und Kälte.

Manchmal ist mir nicht nach Ostern.
Ich muss nur die Zeitung aufschlagen.
Der Brand in Notre Dame,
Das Busunglück auf Madeira.
Die Anschläge in Kirchen auf Sri Lanka.
Wenn ich das lese, wird es kalt in mir.
Ich spüre die Hoffnungslosigkeit.
Ich will es nicht wahrhaben.
Was da jeden Tag neu geschieht.
Doch ich kann meine Augen nicht vor der Welt verschließen.
Jeden Tag geschieht neue Gewalt.
Jeden Tag ein neuer Tod.
Jeden Tag ein neuer Abschied.
Das ist auch am Ostermorgen nicht anders.

Und doch: Weicht die Dämmerung.
Es wird Morgen. Auch bei Maria.

Licht breitet sich zaghaft aus,
es schiebt sich über den Horizont.
Ein Wiedehopf stimmt sein Lied an.
Er begrüßt den Tag.
Er durchbricht die Stille,
mit einem dreifachen Ruf.
Er will nicht schweigen.
Er raschelt mit den Flügeln,
stellt sein schwarz-gelbes Gefieder auf.

Denn mit dem Licht kommt das Geräusch.
Mit dem Licht kommt die Wärme.
Maria geht weiter, schweigend.
Die Trauer wiegt zu schwer.
Schritt für Schritt durch die Dornenhecken.
Verborgen hinter den Dornen liegt die Lichtung.
Und auf der Lichtung liegt das Grab.
Innmitten eines Gartens.

Ich gehe weiter meinen Weg, durch diese Welt.
In dieser Welt, in der die Gewalt nicht enden will.
In dieser Welt, in der der Tod nicht enden will.
Die Kreise ziehen sich immer enger.
Friedhöfe sind merkwürdige Orte.
Sie erzählen von Menschen und ihren Leben.
Von ihren Geschichten, ihren Erlebnissen.
Und doch: Im Tod sind alle gleich.
Ich stand schon an vielen Gräbern.
Bei Menschen, die ich kannte.
Und bei Menschen, die ich nicht kannte.
In Israel bei Martin Noth.
In Taizé bei Frére Roger.
In Barcelona bei Jean Miró.
In Berlin bei Friedrich dem Großen.
Und auch bei Christa Wolf.
Friedhöfe sind Unorte. Orte des Todes.

Und dennoch: Sind sie voller Leben.
Letztens erst war ich wieder auf dem Hauptfriedhof.
Wie eigentlich oft in diesen Tagen.
Die Kirschblüten bedeckten den Boden.
Ein Enkel war mit seinen Großeltern da.
Er lief lachend zwischen den Gräbern.
Eine Frau besuchte ihren Mann.
Sie kümmerte sich liebevoll um die Blumen.
Es ist ein schöner Ort, um dort einmal zu ruhen.
Um dort zu ruhen für alle Ewigkeit.

Und Maria? Maria erreicht das Grab.
Gerade, als der Morgen anklopft.
Als die Sonne über dem Horizont steht.
Und der Gesang der Vögel den Himmel erfüllt.

Sie bleibt stehen.
Sie steht mitten im Garten.
Zwischen Lilien und Veilchen im Morgenlicht.
Und realisiert nicht, was sie sieht.
Das Grab steht offen.
Einfach so.

Und sie weiß nicht, wie ihr geschieht.
Die letzten Tage liegen schwer auf ihr.
Sie hat den Schock noch nicht verkraftet.
Sie hofft nur, das es vorbei geht.
Irgendwie. Irgendwann.

Und nun auch noch das.
Das Grab steht leer.
Ein schwarzes Loch.
Eine klaffende Wunde.
Mit Staub und Asche.
Nichts ist mehr übrig.

Nur noch eines:
Das Leinentuch.
Es riecht nach ihm.

Was ist es, was bleibt?
Was bleibt nach dem Tod?
Es sind ja nicht die Gräber.
Die Orte, an die wir gehen.
Es sind die Erinnerungen an die Menschen.
Es ist die Liebe, die uns erfüllt.
Es gibt Orte, da fühlen wir uns den Verstorbenen ganz nah.
Wir haben noch ihren Geruch in der Nase.
Wir erinnern uns an sie, wir denken an sie.
Manchmal reden wir auch mit ihnen.
Wir sind verbunden, über die Zeiten.
Selbst über den Tod hinaus.
Wir können sie spüren.
In unserem Leben.
Sie sind noch da.

Wo ist nun Jesus?
Wer hat ihn weggenommen?
Wo wurde er hingebracht?

Maria merkt gar nicht,
wie Tränen in ihre Augen steigen.
Wie die Tränen ihre Wangen hinablaufen.
Tränen der puren Verzweiflung.
Ihr Herz zieht sich zusammen.
Vor Fassungslosigkeit. Vor Furcht.
Sie wendet sich ab.
Sieht einen Gärtner dort stehen.
Sie sieht wie durch einen Schleier.
Er steht im Garten.
Bei den Lilien.
Das Licht scheint auf ihn.

Maria geht zu ihm.
Sie findet mühsam Worte.
Mit Kratzen im Hals:
Sag mir, wo er ist!“ (Joh 20,15)

Er schaut sie an.
Sagt nur: „Maria“.

Die Schwelle. Sie ist da.
Sie muss nur hüpfen.

Manchmal ist mir nicht nach Ostern.
Es gibt zu viel Tod und Gewalt.
Zuviel Leid, zuviel Trauer.
Eigentlich von allem zuviel.

Aber: Die Schwelle ist da, ich muss nur hüpfen.
Ich muss nur meinen Mut zusammen nehmen.
In manchen Ländern sind die Türschwellen hoch.
Sie sollen das Böse aus dem Haus, aus dem Tempel halten.
Manchmal wohnen auch Dämonen in diesen Türschwellen.
Sie halten uns davon ab ins Leben zu gehen.
Den Tag zu genießen, ins Osterlicht zu treten.
Ich nehme meinen Mut zusammen:
Und springe.

Leben und stark sein,
das ist der Zauber.
Er ist in mir.
Er ist in uns allen.
(F.H. Burnett)

“Rabbuni.
Meister.” (Joh 20,16)

Ich glaube:
Der Tod ist nicht das Ende.
Jesus hat den Tod besiegt, endgültig.
Er ist auferstanden. Leibhaftig.
Er ist zurückgekommen von den Toten.
Er will, dass wir leben.
Er will, dass wir Leben gestalten.
Wir können im Frieden leben.
Wir können in Freude leben.
In Osterfreude.

[Manchmal kann ich spüren:
Gott ist in meinem Leben.
Ich kann ihn sehen.
Im Lächeln eines Menschen.
In der Wärme der Sonne auf meinem Gesicht.
Im Ruf des Wiedehopfs.
Im Rosa der Kirschblüten.
Und im Klang meines Namens,
wenn ihn jemand ausspricht.
Es ist ein Anfang,
eine Hoffnung.
Sie ist da.
Jesus ist da.]
(Dank an Jörg Breu)

Es ist, als könnte Maria nun sehen.
Wirklich sehen. Ohne Schleier.
Das Morgenlicht. Und den Garten.
Die Geräusche und Gerüche.
Den Wiedehopf, die Lilien.
Das immerwährende Grün.

Wenn du nur richtig hinschaust,
kannst du sehen, dass die ganze Welt ein Garten ist.
(F.H. Burnett)

Maria sagt: „Ich habe Gott gesehen.“ (Joh 20,18)